Unfall mit Folgen Teil 3 Wieder zu Hause

Die beiden Jungs werden aus dem Krankenhaus entlassen. Ob sie in Kontakt bleiben und ob ihr Geheimnis sie weiter miteinander verbindet?

Seufzend schaute Felix von seinem Mathebuch auf, ließ den Blick durch sein Zimmer schweifen und in den Zweigen des alten Ahornbaums vor seinem Fenster verweilen. Irgendwie wurde das mit dem Üben heute so gar nichts. Er war kein solcher Überflieger in Mathe wie sein bester Kumpel Marek, aber mit ein bisschen Anstrengungen reichte es für passable, oft sogar gute Noten. Aber heute ging einfach so gar nichts in seinen Kopf und auch wenn krampfhaft versuchte, sich einzureden, er wisse gar nicht, woran das lag – eigentlich wusste er es ganz genau.

Auch wenn sie schon zwei Wochen zurück lagen, waren die Erinnerungen an den Aufenthalt im Krankenhaus noch so lebendig wie am ersten Tag. Die Erinnerungen an Daniel, an ihre Gespräche und an das, was sie miteinander geteilt hatten. Zwei fast erwachsene Jungs, die Windeln tragen mussten, weil sie sonst ins Bett machen würden. Und – Felix wurde immer noch heiß und ein bisschen kribbelig beim Gedanken daran – sie hatten sich gegenseitig dabei zugeguckt, wie sie ihre Windeln benutzt hatten. Bei ihm war es ein Versehen gewesen, aber Daniel hatte es echt mit voller Absicht gemacht und Felix erinnerte sich lebhaft an den Ausdruck in Daniels Gesicht, an diese Mischung aus Scham, Faszination und irgendwie auch so etwas wie Aufregung. Sie hatten noch die halbe Nacht geredet und sich schlafend gestellt, wenn die Nachtschwester ihre Runde drehte. Es schien, als hätte Daniels unfreiwilliges Outing und das erste Mal die Möglichkeit, mit jemandem offen über sein Problem reden zu können, eine besondere Verbundenheit geschaffen. Am zweiten Tag seines Krankenhausaufenthaltes hatten die Medikamente bei Felix gut angeschlagen, sodass er tagsüber nur noch sogenannte Pants bekam, die zwar aussahen wie Omas Rüschenunterhosen, aber nicht auftrugen, nicht knisterten und die er beim Gang zur Toilette hoch- und runterziehen konnte. Nach einer weiteren Nacht zur Beobachtung waren am Morgen die Werte nochmal gecheckt worden und Felix mit dem Hinweis, sein Antibiotika zu Ende zu nehmen und ausreichend zu trinken, entlassen worden. Daniels Röntgenuntersuchung hatte ergeben, dass sein Arm so heilte wie er durch die ganzen Schrauben sollte und so hatte auch er nach Hause gedurft. Sie hatten sich ein bisschen verlegen voneinander verabschiedet, Handynummern ausgetauscht – und seitdem nichts mehr voneinander gehört.

Und das war es, was Felix keine Ruhe ließ. Ihr Geheimnis hatte eine besondere Nähe zwischen ihnen geschaffen, aber auch unabhängig davon hatten sie sich gut verstanden. Und eigentlich hatten sie vereinbart, in Kontakt zu bleiben. Aber Daniel hatte sich seitdem nicht gemeldet, bestimmt hatte er doch keine Lust mehr, erinnerte sich gar nicht mehr an den Typen aus dem Krankenhaus wenn er täglich seine coolen Kumpels wieder um sich hatte. Scheinbar endlos starrte Felix auf den eingespeicherten Kontakt in seinem Handy und bevor ihn der Mut wieder verließ, drückte er die Anruftaste auf dem Touchscreen.

Das Freizeichen ertönte – einmal, zweimal, dreimal, er wollte gerade auflegen, als er Daniel fröhliche Stimme hörte. „Felix, hey“ Er hatte seine Nummer also auch eingespeichert! „Hey“ Felix räusperte sich. „Ich wollte mal hören, wie es dir geht.“
„Besser, danke. Ich war heute schon wieder im Krankenhaus, die haben die Stangen entfernt. Den Rest erledigen jetzt die Platten und Schrauben im Handgelenk.“
„Das ist toll! Bist du noch im Krankenhaus?“
„Ne, das konnte zum Glück ambulant gemacht werden und ich darf in meinem eigenen Bett schlafen. Außerdem hätte ich bestimmt nicht nochmal soviel Glück mit meinem Bettnachbarn gehabt. Und wie geht‘s dir? Alles wieder in Ordnung?“
„Ja, seit letzter Woche schon. Ich geh auch wieder zur Schule und müsste eigentlich für die Mathearbeit üben.“
„Das verstehe ich vollkommen, dass es die angenehmere Alternative ist, meine Stimme zu hören.“ Felix sah das Grinsen, das bei diesen Worten in Daniels Stimme mitschwang, direkt vor sich, und musste auch schmunzeln. „Aber sag mal“, riss Daniels Stimme ihn aus seinen Gedanken. „Was machst du am Wochenende?“
„Bisher noch nichts“ Tatsächlich war Felix niemand, der jedes Wochenenden mit Partys und Veranstaltungen, die er nun als Sechzehnjähriger besuchen durfte, verbrachte.
„Cool“ Daniel klang erfreut und erklärte auch gleich, warum. „Hast du Lust auf ‘nen Filmabend? Ich hab von meinem Bruder den neuen Teil von „Isidious“ gekriegt.“ Bei einer ihrer Unterhaltungen im Krankenhaus hatten sie ihre gemeinsame Vorliebe für Grusel, Horror und Mysterie festgestellt. Da dieses Interesse niemand aus Felix‘ Freundeskreis teilte und er sich nicht allein im Kino gruseln wollte, hatte er den neuen Teil auch noch nicht gesehen. „Klingt super“, befand er also und Daniel schlug vor: „Du kannst gern zu mir kommen, ich hab nen ziemlich großen Fernseher und außerdem sturmfrei. Meine Eltern sind verreist und meine Schwester das ganze Wochenende bei ihrem Freund.“ „Gern“ Er notierte sich Daniels Adresse, sie verabredeten sich für Freitagabend 19:00 und Felix erkundigte sich noch: „Soll ich was mitbringen?“
„Schlafzeug, wenn du willst. Du kannst gerne hier pennen, dann brauchst du keine Angst haben, auf dem Heimweg von Wesen aus der Zwischenwelt verfolgt zu werden.“
„Sehr gut, danke! Dann bis Freitag“
„Ja, bis dann“

Daniels POV
Das hatte er gerade nicht wirklich getan? Er hatte Felix nicht wirklich zum übernachten eingeladen? Was hatte ihn denn da geritten? Offensichtlich hatte er ein echtes Defizit an –Übernachtungspartys, wenn er die einzigartige Gelegenheit direkt nutzte. An seiner neuen Schule hatte er sich bisher immer erfolgreich darum gedrückt. Entweder er wohnte sowieso in der Nähe der Partylocation und war schnell zu Hause oder er musste am nächsten Morgen früh mit dem Hund raus, weil seine Eltern nicht da waren oder er hatte seiner Schwester versprochen, ihre sonntagmorgendliche Zeitungstour zu übernehmen oder oder oder… Um Ausreden war er nie verlegen und als ihm einmal auf die Schnelle nichts eingefallen war, als ein Kumpel sie nach einem Computerspielabend alle im Wohnzimmer übernachten lassen wollte, hatte er heimlich auf der Toilette seinen Weckton geändert und den Wecker auf 40min später eingestellt. Als es langsam ans Schlafen ging, schrillte der Wecker, er täuschte ein Telefonat und verabschiedete sich bedauernd, er müsse leider sofort los, seine Oma sei im Krankenhaus, er müsse mit hinfahren.

Manchmal überkam ihn schon ein schlechtes Gewissen bei so vielen Lügen und die Überlegung, es mit den wirklich unauffälligen Pants doch mal zu versuchen, oder zumindest seinen besten Freund einzuweihen. Andy wirkte so, als könne er mit so was umgehen, sie waren schließlich auch keine 14 mehr. Aber beide Ideen hatte er schnell wieder verworfen. Dass sie älter waren, machte es nur noch viel schlimmer, noch ins Bett zu machen, noch Windeln tragen zu müssen. Und vor den Heimlichkeiten hatte er ebenfalls zu viel Angst. Was wäre, wenn er nach ein paar Bier unvorsichtig wurde beim umziehen? Wenn die Hose verrutschen würde? Wenn morgens jemand vor ihm aufwachen würde und er sich nicht unbemerkt ins Bad schleichen könnte? Wenn jemand einen Blick in seinen Rucksack werfen würde, sei es nur auf der Suche nach Chips? Nein, zu viele „Was wäre wenn“s, sodass er Lügen und Ausreden vorzog.

Aber gleichzeitig hatte er im Krankenhaus gemerkt, wie sehr er es genoss, sich nicht dann verabschieden zu müssen, wenn man würde wurde, sondern weiter zu quatschen, zu kichern, die besondere Gesprächsatmosphäre von Nacht und im Bett liegen zu erleben. Und jetzt hatte er die Gelegenheit, das zu wiederholen und zwar in seinem eigenen statt einem Krankenhauszimmer, mit Filmen und Chips statt Infusionen und Krankenhausessen und ohne den regelmäßigen Rundgang der Nachtschwester. Er spürte eine kribbelige Vorfreude bei dem Gedanken an Freitag in sich aufsteigen.

Felix‘ POV
Auch Felix freute sich auf Freitag, ertappte sich dabei, wie er immer wieder daran dachte – an das bevorstehende Treffen, an Daniel und an Windeln. Ob Daniel zum Schlafen eine anziehen würde? Ja, natürlich würde er das, er brauchte die Windel schließlich immer. Aber würde er sie erst direkt vor dem Schlafengehen anziehen oder schon eine Weile vorher? Das tat er manchmal, hatte er im verraten. Und manchmal benutzte er die Windel auch schon abends, mit Absicht. Das war es, was Felix keine Ruhe ließ. Er selbst hatte nach dem ersten Mal noch zwei weitere Situationen gehabt, in denen er es nicht ganz rechtzeitig zur Toilette geschafft hatte und an seinem ersten Morgen im Krankenhaus war er ja auch der nassen Windel vom Vorabend aufgewacht. Aber er hatte es nie absichtlich gemacht – im Gegensatz zu Daniel. Der hatte ihm das ja auch vorgeschlagen, aber beim ersten Mal hatte sein Körper ihm die Entscheidung abgenommen und danach hatte er sich nicht getraut. Und darüber ärgerte er sich jetzt.

Halt Stopp! Er hatte sich gerade nicht tatsächlich eingestanden, dass er sich über die verpasste Gelegenheit, absichtlich in die Windel zu machen, ärgerte. Das war doch blanker Unsinn! Und überhaupt, eigentlich sollte er für die Mathearbeit lernen. Stattdessen erhob er sich wie ferngesteuert von seinem Schreibtischstuhl, ging zum Schrank hinüber und zog die Reisetasche, die er im Krankenhaus dabei gehabt hatte, heraus. Ganz unten, unter dem uralten Schlafanzug, den seine Mutter angeschleppt und den er nie angezogen hatte, fand er, was er suchte. Eine der weißen, knisternden Windeln aus dem Krankenhaus. Als er entlassen worden war, war das Einnässen schon soviel besser gewesen, dass er nur noch prophylaktisch eine Pants getragen hatte und davon noch zwei mitbekommen hatte. Aber zur Sicherheit hatte Schwester Susanne ihm noch eine der „richtigen“ Windeln mitgegeben, für die Nacht. Die hatte er natürlich nicht angezogen, er war schließlich schon fast wieder gesund und auch kein Bettnässer! Stattdessen hatte er sie beschämt in der Tasche vergraben und diese in die Tiefen seines Schranks gestopft.

Fast ehrfürchtig holte er sie jetzt heraus, faltete sie auseinander und betastete die dicke weiße Folie und das etwas steife Vlies im Inneren. Bevor er es sich anders überlegen oder überhaupt nur darüber nachdenken konnte, hatte er den Gürtel seiner Jeans geöffnet, Hose und Unterhose bis zu den Knöcheln herunter gestreift und die Windel zwischen sich und der Wand neben seinem Schreibtisch eingeklemmt. Er klappte das Vorderteil hoch und verschloss langsam und sorgfältig einen Klebestreifen nach dem anderen. Anschließend streifte er Hose und Boxershorts endgültig ab und legte sich auf sein Bett. Langsam, fast beiläufig ließ er seine Hand über die knisternde Plastikfolie gleiten und hing seinen Gedanken nach. Zum ersten Mal seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus verdrängte er die Gedanken und Gefühle, die bei dem Thema Windeln in ihm hochkochten, nicht, sondern ließ sie zu, gab sich ihnen hin.

Als er spürte, dass allmählich auf Toilette musste, schaltete sich sein Verstand wieder ein. „Verdammt, was tue ich hier eigentlich?“ Er sprang vom Bett auf, riss die Windel so heftig ab, dass ein Stück der Folie aufriss und stopfte sie zurück in die Reisetasche. Die schmiss er mit voller Wucht in den Schrank und stapfte dann die Treppe hinunter, wo seine Mutter mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt war. Okay, er war ganz offensichtlich verrückt, gemessen daran, wie ihn das Thema beschäftigte, anstatt einfach froh zu sein, dass das Ganze durch war und er keine Windeln mehr tragen musste. Aber zumindest war er am Freitag mit jemandem verabredet, der genauso verrückt war.

Ein bisschen nervös war er, als er am Freitagabend drei Minuten vor sieben an der angegebenen Adresse klingelte. Er flehte, dass sich keiner an der Gegensprechanlage melden würde, und zu seiner Erleichterung wurde kommentarlos der Türöffner betätigt. Er stiefelte in die vierte Etage hinauf, wo Daniel ihn an der Tür erwartete. „Hey“ Freundliches Grinsen und Felix überlegte, wie man sich in einer solchen Situation begrüßte. Eine Umarmung wäre viel zu intim, ein Handschlag zu unpersönlich. Aus Verlegenheit heraus endete es in einem missglückten kumpelhaften Schulterklopfen, bevor Daniel ihn herein bat. Er zeigte ihm die mit Dachschrägen, alternativ wirkenden Möbeln und vielen Keramikarbeiten versehene Wohnung und Felix staunte. „Wow, toll“, befand er und Daniel grinste: „Künstlerwohnung“
„Künstler?“
Daniel nickte und zeigte auf die Keramiktassensammlung auf einem Regal, das offensichtlich aus alten Weinkisten gebaut war. „Mein Vater macht die Keramikkunst. Das verkauft sich ziemlich gut, er gibt zusätzlich Kurse, macht Restaurationen und so was, aber die Kunst ist tatsächlich sein Brotjob. Und meine Mutter ist halbtags Dozentin an der Kunsthochschule, den Rest des Tages malt sie oder hat Ausstellungen.“
„Toll“
„Einerseits schon“, nickte Daniel. „Also die Wohnung ist echt ziemlich cool, nicht so langweilig wie normale, und meine Eltern sind schon auch so Künstlerseelen, also alternativer, weltoffener als andere in ihrem Alter. Aber von Kunst zu leben ist nicht immer einfach, finanziell sowieso nicht, aber auch sonst mussten wir sie immer mit ihren Keramiktassen und Bildern teilen. Also wir waren als Kinder viel allein, denn selbst wenn meine Mutter physisch anwesend war, hat sie stundenlang im Atelier verbracht und war nicht ansprechbar. Aber ja, es geht sicher schlechter und jetzt ist es cool, dass sie gefühlt jedes Wochenende auf Messen, Ausstellungen und Events unterwegs sind und wir sooft sturmfrei haben.“
„Ihr?“, fragte Felix nach und Daniel griff nach einem Foto. Aus dem bunten Holzrahmen heraus grinste Daniel und daneben ein Mädchen mit den unverkennbar selben Gesichtszügen, dasselbe Grinsen, dieselben grünen Augen, derselbe blonde Wuschelkopf, die Haare nur etwas länger. „Zwingelinge“, erklärte Daniel. „So haben wir uns als Kinder immer allen vorgestellt. Und du? Hast du Geschwister?“
„Ne, gibt nur meine Mutter und mich“, antwortete Felix und Daniel sah aus, als wolle er etwas fragen, traute sich aber nicht. Felix nahm ihm die Frage ab. „Ja natürlich gibt es keine unbefleckte Empfängnis, also irgendwo hab ich auch einen Erzeuger, den aber nie gesehen, geschweige denn kennen gelernt. Meine Mutter war von Anfang an ehrlich, hat mir gesagt, dass sie mir den Namen nicht verheimlichen will, aber selbst nicht kennt. Sie war grade achtzehn und O-Ton „jung und dumm“. Sie meint immer, dass sie auf die Aktion selbst bestimmt nicht stolz ist, ich aber das beste war, was ihr passieren konnte.“ Daniel lächelte und Felix erzählte: „Seit ein paar Monaten trifft sie sich mit einem Mann, das scheint echt was ernsteres zu werden. Würde mich total für sie freuen.“

Kurzes Schweigen, dann schaute Felix auf Daniels Arm, der ohne Gips und Schrauben, nur noch mit Resten von Jod bedeckt, deutlich weniger gruselig aussah. „Sieht gut aus“
„Noch besser wäre es, wenn es sich auch gut anfühlen würde“
„Hast du noch Schmerzen?“
„Schmerzen nicht mehr, wenn ich nicht direkt drauf liege oder so. Aber die Beweglichkeit ist viel stärker eingeschränkt, als alle erwartet haben. Offensichtlich haben die Nerven mehr abgekriegt als zunächst gedacht.“
„Scheiße“, kommentierte Felix und Daniel zuckte mit den Achseln. „Es könnte viel schlimmer sein, erstens bin ich glücklicherweise Rechtshänder und zweitens kann ich die Finger schon bewegen. Alle setzen grade viel Hoffnung in Physiotherapie und Elektrostimulation. Die Chancen stehen also nach wie vor ganz gut, dass ich irgendwann wieder Gitarre spielen kann, ich brauch nur Geduld. Und Geduld ist nicht meine Stärke.“
„Kann ich verstehen“

Sie waren inzwischen in Daniels Zimmer angekommen und setzten sich auf die gemütliche Couch. „Die kann man ausklappen, da kannst du später drauf schlafen“, erklärte Daniel und holte dann die DVDs. „Da wir den ganzen Abend Zeit haben, können wir uns auch die ersten zwei Teile nochmal anschauen. Damit wir für die Vorgeschichte gerüstet sind.“ „Gute Idee“, nickte Felix und Daniel erhob sich nochmal. „Ich hole noch Knabberzeug, willst du auch ein Radler?“ „Gern“

Die Atmosphäre in Daniels abgedunkeltem Zimmer passte hervorragend zur düsteren Stimmung der Filme und obwohl Felix die beiden ersten Teile um die Familie Lambert kannte, den ersten sogar schon zweimal gesehen hatte, zuckte er immer wieder zusammen.

Daniels POV
Daniel rutschte genießerisch ein Stück auf der Couch zurück und grinste. Felix war ein genauso großer Angsthase wie er selbst. Er hatte vorher erzählt, dass er die ersten beiden Teile kannte, und trotzdem zuckte er immer wieder zusammen oder schnappte hörbar nach Luft. Ihm selbst ging es genauso und genau das genoss er so – bewusst provozierte Angst, selbst erzeugtes sich Fürchten mit der Sicherheit, dass alles Gruselige nur im eigenen Kopf stattfand. Der einzige Wermutstropfen bestand darin, dass es mit Windel noch ein bisschen gemütlich gewesen wäre. Er konnte nur über sich selbst den Kopf schütteln, verstand sich selbst nicht. So sehr er es hasste, die Windeln nachts zu brauchen, so sehr ihn sein Problem einschränkte und belastete, so sehr nutzte er es manchmal aus. Und gerade beim Film schauen oder zocken war es praktisch, nicht ständig aufstehen zu müssen, gemütlich und manchmal auch ein bisschen spannend. Vielleicht war es gerade die Widersprüchlichkeit in den Empfindungen und der Trotz, das Gefühl von „Dann eben erst recht!“ dass ihn Windeln tragen manchmal auch so genießen ließ. Aber auch wenn Felix Bescheid wusste, auch wenn er im Krankenhaus mehr mitbekommen hatte, als dass Daniel die Windeln nachts brauchte, konnte er ja trotzdem schlecht einfach damit neben ihm auf der Couch sitzen. Dass er sich von Felix hatte beobachten lassen, als er bewusst und absichtlich seine Windel benutzt hatte, war schon verrückt genug gewesen. Aber das konnte er noch damit rechtfertigen, dass es aus Solidarität passiert war, er Felix hatte helfen wollen. Das stimmte natürlich, aber wenn es zumindest sich selbst gegenüber ehrlich war, war das lange nicht der einzige Grund gewesen.

Wie er es auch drehte und wendete, er bekam das Thema und die Erinnerungen an Felix‘ ersten Abend im Krankenhaus nicht mehr aus dem Kopf. Und die Erinnerung war untrennbar mit einem kribbeligen Gefühl verbunden. Ob es sich nochmal irgendwie ergeben würde, darüber zu reden? Aber was sollte das bringen? Felix war vermutlich einfach nur froh, die Krankheit und die Windeln wieder los zu sein, er würde sicher nichts mehr dazu zu sagen haben. Allerdings beäugte er Felix unauffällig und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er kannte die meistens lästige Wirkung von Radler und hatte das Getränk nicht ohne Hintergedanken vorgeschlagen. Und es schien zu funktionieren. Felix rutschte immer wieder auf der anderen Seite der Couch hin und her und bei nicht einmal der Hälfte des Films bat er seufzend: „Machst du bitte Pause?“

Als er von der Toilette wiederkam, schimpfte er: „Radler ist echt fies. Man wird nicht mal wirklich betrunken und läuft von einer Flasche dreimal aufs Klo.“ „Ich weiß“, gab Daniel erst nur zurück, traute sich nicht, mehr zu sagen. Er ließ den Film weiterlaufen, aber dann war sein Mund schneller als sein Gehirn. „Ja, da können Windeln ganz praktisch sein.“ Felix starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. „Du meinst … also machst du das manchmal?“
„Ob ich mir manchmal eine anziehe, wenn ich gar nicht schlafen gehe?“ Felix nickte und Daniel schluckte. Kurz bekam er Angst vor seinem eigenen Mut, andererseits hatte er jetzt damit angefangen, also musste er auch ehrlich sein. Also gestand er: „Ja, manchmal. Beim Filme schauen oder beim Zocken.“
„Nur weil es praktisch ist?“
„Nicht nur…“
Beide hielten Atem, diesmal nicht wegen der Gänsehaut verursachenden Szene auf dem Bildschirm.
„Ich hab auch noch ziemlich viel an die Aktion im Krankenhaus gedacht“ Mehr gemurmelt als deutlich ausgesprochen, aber Daniel hatte ihn dennoch genau verstanden. Und er traute seinen Ohren nicht, als Felix präzisierte: „Ich hab an das gedacht, was du gemacht hat. Und an Windeln und daran, welche anzuhaben.“ Daniel überlegte fieberhaft, wie er diese unglaubliche Gelegenheit nutzen konnte ohne Felix zu verschrecken. Schließlich fragte er betont scherzhaft: „Bist du enttäuscht, dass du keine aus dem Krankenhaus mitbekommen hast?“
„Hab ich, also eine“, erzählte Felix und mit immer leiser werdender Stimme: „Und ich hab sie sogar angezogen. Ich dachte, wenn ich das mache, muss ich vielleicht nicht mehr ständig drüber nachdenken, dass zu tun. So eine Art Konfrontationstherapie, verstehst du?“
„Hat offensichtlich nicht funktioniert?“ Mehr Feststellung als Frage und Felix nickte kläglich. „Hat es eher schlimmer gemacht. Ich hatte die auch nur ganz kurz an, als ich auf Toilette musste, hab ich wieder angefangen zu denken und mir wurde klar, wie verrückt das ist.“ „Dann bin ich auch verrückt“, gab Daniel freimütig zu, ergänzte dann jedoch: „Aber ja, manchmal denke ich schon auch drüber nach, wie bescheuert das eigentlich ist.“ Felix nickte und stellte dann fest: „Aber es tut gut mit jemandem darüber reden zu können, der das versteht – und der auch so verrückt ist.“

„Wollen wir noch verrückter sein?“ Daniel schaute Felix nicht an, sondern konzentriert auf den Bildschirm, auf dem die Geisterjäger gerade die Filmaufnahmen der vergangenen Nacht auswerteten.
„Du meinst … also na ja … Du meinst, wir könnten Windeln anziehen?“, vergewisserte sich Felix, ihn richtig verstanden zu haben.
„Könnten wir, ja. Ich kann dir eine abgeben.“

Felix‘ POV
Felix wurde ganz schwindelig vom Verlauf des Gesprächs. Er hätte sich das nie getraut, so deutlich zu werden, aber sie waren jetzt genau an dem Punkt, den er sich insgeheim, tief vergraben in den Abgründen seiner Gedanken, gewünscht hatte. Jetzt hing es an ihm. Er könnte kneifen und ablehnen. Dann würde Daniel sich vermutlich peinlich berührt für den Vorschlag entschuldigen und nie wieder davon anfangen. Oder er könnte darauf eingehen. „Die passen mir doch bestimmt nicht“, rettete er sich mit einem Mittelweg. „Du hast doch erzählt, dass du diese Pants zum Hochziehen hast, die eigentlich für jüngere Kinder sind. Wenn die dir grade so passen, sind sie mir bestimmt zu klein.“ Das entsprach auch der Wahrheit, er selbst war zwar schlank, aber einen guten Kopf größer und deutlich muskulöser als der sehr zierliche Daniel. Der grinste jetzt: „Ich hab auch noch andere. Die Pants gibt es in der Größe noch nicht so lange, vorher hatte ich richtige Windeln für Erwachsene, also zum zukleben. Die haben meine Eltern im Sanitätshaus besorgt. Und die passen dir sicher.“ Felix biss sich auf die Unterlippe und verlangte: „Dann musst du aber auch, also eine richtige anziehen.“
„Okay, Deal!“

Sie schauten sich kurz in die Augen, als wollten sie sich vergewissern, dass der andere keinen Rückzieher mehr machen würde. Dann stand Daniel auf und ging zu seinem Schrank hinüber. Er kramte eine Weile darin herum und zog mit einem triumphierenden „Da!“ zwei zusammengefaltete Windeln heraus. Er hielt Felix eine davon hin, der beäugte sie neugierig. Anders als das Modell aus dem Krankenhaus war die nicht komplett weiß, sondern mit zwei lila Streifen auf denen der Buchstabe S prangte. „Die Größe“, erklärte Daniel, dem sein Blick aufgefallen war. „S passt dir bestimmt auch“
„Du zuerst“, flehte Felix und Daniel nickte, stand auf und verschwand mit der Windel in der Hand im Bad. Kurze Zeit später setzte er sich wieder neben Felix, der aufmerksam lauschte und erstaunt feststellte: „Die rascheln viel weniger als die im Krankenhaus. Sehen auch dünner aus.“ „Das Krankenhaus hat nur Billigteile“, antwortete Daniel. „Das sind teurere, die sind unauffälliger, halten aber gleichzeitig viel mehr aus. Du weißt ja schon, wo das Bad ist.“ Felix nickte und erhob sich mit wackeligen Knien.

Im Bad lehnte er sich genauso mit der aufgeklappten Windel an die Wand wie im Krankenhaus und wie vorgestern zu Hause in seinem Zimmer. Er spürte eine kaum zu bändige Aufregung in sich, ihm wurde gleichzeitig heiß und kalt, schwindelig und zittrig. Er verschloss mit zitternden Händen ein Tape nach dem anderen, zog seine Hose wieder hoch und schlich langsam und mit klopfendem Herzen zu Daniel ins Zimmer zurück. Erst dort fiel ihm auf, dass es vielleicht klug gewesen wäre, vorher nochmal auf Toilette zu gehen.

Daniel stellte den Film wieder an und Felix war sich einige Male nicht sicher, ob er wegen der dort gezeigten Szene und wegen der Tatsache, dass er eine Windel trug, so zittrig wurde. Als würde das gegen die Nervosität helfen, trank er noch ein paar große Schlucke Radler, was aber nur dazu führte, dass er umso nötiger auf die Toilette musste. Er wippte mit den Beinen, überlegte hin und her, aber einfach so neben Daniel auf dessen Couch seine Windel zu benutzen erschien ihm dann doch zu verrückt.
„Was hampelst du denn so rum?“, wollte Daniel irritiert wissen, bis er begriff. „Du musst pullern, oder?“ „Ja“, gab Felix zu und Daniel grinste: „Mach doch“
„Wie jetzt? Einfach so in die Windel?“, stotterte Felix und Daniel nickte. „Du hast doch eine angezogen, damit du nicht dauernd aufs Klo gehen musst. Also ja, einfach in die Windel!“ Felix schaute ihn nicht an, versuchte sich auf den Film zu konzentrieren und gleichzeitig auf seine volle Blase. Daniel machte keinen Hehl daraus, dass er ihn beobachtete und Felix schimpfte: „Hey, du darfst mich nicht angucken dabei! Soll ich dich auch mal so anstarren?“
„Kannst du machen, aber ich muss nicht mehr.“
„Wie jetzt? Du hast … also … du … deine Windel…“
„… ist schon nass“, beendete Daniel sein Gestotter und Felix blieb der Mund offen stehen.
Aber Daniel hatte Erbarmen und wand seine Aufmerksamkeit dem Film und der Chipstüte zu. Felix versuchte es jetzt wirklich, rutschte hin und her,verlagerte sein Gewicht, aber je angestrengter er versuchte, sich zu entspannen, desto weniger wollte es klappen. „Also im Krankenhaus war es bedeutend einfacher“, stellte Daniel fest und Felix jammerte: „Es geht echt nicht“ „Soll ich nachhelfen?“, bot Daniel heimtückisch grinsend an und bevor Felix nachfragen konnte, was er damit meinte, begann Daniel ihn gnadenlos auszukitzeln. Felix wand sich, quiekte wie ein Meerschweinchen und flehte „Aufhören, bitte!“ Als Daniel ihn endlich los ließ, keuchte er: „Also wenn du mit ner halb einsatzfähigen Hand schon soviel Kraft hast, will ich mich nicht mit dir anlegen, wenn die verheilt ist.“
„Ich hab es nur gut gemeint“, beteuerte Daniel. „Hat es wenigstens funktioniert?“
„Nein“, stöhnte Felix und Daniel riet: „Stell dich hin, im Sitzen ist es viel schwieriger.“ Felix folgte seiner Aufforderung, musste jetzt aber damit leben, dass Daniel ihn ungeniert beobachtete. Felix starrte auf die Holzdielen und den bunten Flickenteppich vor der Couch und spürte, wie ihm heiß wurde vor Scham, als er schließlich nachgab, aufhörte, herum zu hibbeln und seine Windel erst warm und nass wurde, dann aber direkt alles aufsaugte und sich nur ein bisschen schwerer anfühlte.
„Jetzt sind wir wirklich quitt“, entschied Daniel. „Im Krankenhaus sahst du einfach nur zu Tode erschrocken aus, da hast du einem mehr Leid getan als dass man es spannend finden konnte.“
„Und jetzt ist es spannend?“ Felix machte zwei unsichere Schritte in Richtung Couch, betastete zögernd seine Jeans, aber alles fühlte sich total trocken an.
„Oh ja, jetzt ist es spannend“, bestätigte Daniel. „Ich mach das ja schon lange ab und zu mal, aber immer alleine. Und jetzt hab ich sogar jemandem, der das mitmacht. Das musst du mir lassen, dass ich das aufregend finde.“
„Mitmachen, ganz genau“ Felix hatte sich inzwischen wieder auf die Couch gesetzt. „Das ist alles nur deine Schuld und ich mache das nur dir zuliebe mit.“
„Damit kann ich leben, zumal du nicht aussiehst, als würdest du schrecklich darunter leiden.:
„Das muss ich mir noch überlegen“, grinste Felix und Daniel entgegnete: „Einverstanden und solange du dir das überlegst, hole ich noch was zu trinken und wir können den zweiten Teil ohne dauernde Klopausen schauen.“

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