Unfall mit Folgen Teil 5 Lange Gespräche

Nach der folgenschweren Halloweenparty kommt es zu einer Reihe ehrlicher Gesprächen…

In Daniels Gesicht blieb das breite Lächeln, als er sein Handy neben sich legte. Katharinas Stimme löste ein angenehmes Kribbeln in seinem ganzen Körper aus, auch wenn sie nur über Belanglosigkeiten miteinander redeten. Er stellte sich dabei immer vor, wie sie lächelte, die Stirn runzelte oder den Kopf schief legte, wenn sie besonders aufmerksam zuhörte oder nachdachte. Seit der Halloweenparty bei Sophie hatten sie sich noch nicht wirklich privat getroffen, begrüßten sich aber in der Schule mit einem Kuss, liefen Hand in Hand durchs Schulgebäude und telefonierten oder chatteten abends miteinander. Auch wenn sie es nicht explizit so deklariert hatten, ging Daniel davon aus, dass er jetzt eine Freundin hatte. Und das fühlte sich verdammt gut an. Wäre da nicht der Grund, aus dem er sich so lange dagegen hatte wehren wollen, dass die Sache ernst wurde. Denn eine Beziehung mit einem Mädchen haben hieß auch, dass es irgendwann zu gemeinsamen Übernachtungen kommen würde. Auch wenn sie es langsam angehen lassen würden mit körperlicher Nähe, es wäre schon sehr absurd, nach einem Treffen jedes Mal allein schlafen zu wollen. Er wollte sie nicht anlügen, aber würde sie die beginnende Beziehung nicht gleich wieder beenden, wenn sie wüsste, dass ihr Freund Bettnässer war? Er stöhnte, seine Gedanken drehten sich im Kreis und das Bedürfnis, mit jemandem zu reden, wurde überwältigend. Die Auswahl der Personen, die dafür in Frage kamen, war überschaubar. Seine Eltern schieden aus, er besprach das Thema schon lange nicht mehr mit ihnen. Sie legten ihm schweigend regelmäßig Geld für die Windeln hin, ansonsten wurde sein Problem nicht weiter thematisiert. Dafür war er ihnen dankbar, für ihre Diskretion genauso wie dafür, ihn nicht zu weiteren Arztterminen, Untersuchungen oder nochmal zum Psychologen zu schleppen. Er war auch nicht der Meinung, dass das helfen würde. Schließlich hatte man keine eindeutig behandelbare körperliche Ursache gefunden, genauso wenig ging es ihm psychisch schlecht, sodass eine Therapie etwas nützen würde. Es war einfach so, so wie andere Probleme mit der Schilddrüse oder eine schiefe Wirbelsäule hatten.

Erstaunt stellte Daniel fest, dass er selten so rational und gelassen über das Thema nachdachte. Meistens ging es mit deutlich mehr Wut, Frustration oder Verzweiflung einher. Seit er Felix kennengelernt hatte, war es so viel besser geworden. Seit er ihn kennen gelernt hatte und das Windeln Tragen mit ihm teilte. Und Felix machte das ganz freiwillig, schien einfach Spaß daran zu haben. Verrückt… Daniel schüttelte Kopf und musste bei der Erinnerung an die Nacht nach der Halloweenparty grinsen. Die Nacht, als Felix betrunken in seinem Bett eingeschlafen war und dieses dann im Schlaf nass gemacht hatte. Daniel fand es nach wie vor ein bisschen niedlich, wie sehr Felix sich geschämt hatte, aber beim Gedanken an das, was danach passiert war, schämte auch er sich ein kleines bisschen. Sie hatten sich am Morgen danach verlegen voneinander verabschiedet – zu ihrem Bedauern hatte keiner von ihnen einen Filmriss – und seitdem auch nichts mehr voneinander gehört. Aber dennoch war Felix der Einzige, mit dem er das Thema Katharina und sein nächtliches Problem besprechen konnte. Und sie waren ja trotz – oder gerade wegen? – der verrückten und unter Alkoholeinfluss geschehenen Aktion Freunde.

Er angelte sich wieder sein Handy und tippte Felix‘ Kontakt an. Es klingelte und er überlegte, ob es schon zu spät war. Er hatte gar nicht bemerkt, wie lange er wieder mit Katharina telefoniert hatte. Aber Felix meldete sich fast direkt. „Hey“

„Na, hast du schon geschlafen?“

„Ich schlafe immer noch, hörst du das Schnarchen nicht?“

„Blödmann“ Daniel meinte, Felix durch das Telefon grinsen zu hören und war erleichtert, dass es nicht irgendwie komisch zwischen ihnen war.

„Was gibt‘s?“, erkundigte sich Felix und Daniel holte tief Luft. „Ich wollte mit dir reden.“

„Ja, das dachte ich mir. Es gibt nicht so viele andere Gründe, jemanden anzurufen.“ Daniel schwieg, rollte mit den Augen, auch wenn er wusste, dass Felix das natürlich nicht sehen konnte, und Felix wiederholte: „Also, worüber willst du reden?“

„Über Katharina“, begann Daniel und dann sprudelte es aus ihm heraus. Dass es scheinbar wirklich ernst werden konnte mit ihr oder das vielleicht schon war, dass er Angst hatte, ihr von seinem Problem zu erzählen, aber auch wusste, dass er das möglichst bald tun sollte. „Oder ich beende es direkt“, dachte er laut nach. „Wenn ich Schluss mache, bevor es ernst wird, sind wir bestimmt beide nicht solange traurig. Sie findet jemand anderen und ich muss keine Angst haben, dass sie mich auslacht oder es weitererzählt.“

„Das ist der größte Schwachsinn, den ich seit langem gehört habe und ich hätte dich für schlauer gehalten“, kommentierte Felix den letzten Gedanken gnadenlos. „Also ich verstehe, dass du Angst hast. Das, was damals auf der Klassenfahrt passiert ist, war absolut scheiße, und macht es sicher nicht leicht, nochmal jemandem das Thema anzuvertrauen. Aber erstens bist du nicht mehr 14 und auch die anderen sind mit Sicherheit vernünftiger geworden. Zweitens ist Katharina ein Mädchen, die sind sowieso reifer und gehen anders mit bestimmten Dingen um. Und drittens ist sie in dich verliebt und das wird sich nicht ändern, weil du nachts ein kleines Problem hast.“

Daniel schwieg lange, seufzte dann und gab zu: „Du hast Recht.“ „Ich weiß, ich bin ja auch ein kluger Junge“, scherzte Felix und Daniel murmelte: „Du hast leicht reden.“

Ich weiß“ Felix wurde wieder ernst, dann erklärte er: „Ich hab eine Idee.“

„Aha…“ Daniel blieb skeptisch, riss sich aber dann zusammen. Felix wollte ihm schließlich wirklich nur helfen. „Welche Idee denn?“

„Du könntest das Gespräch mit Katharina üben.“

„Üben? Wie meinst du das?“

„Erstmal jemand anderem davon erzählen, sodass du bei Katharina genauer weißt, was du sagen willst und wie. Dann bist du weniger nervös und hast im Idealfall schon eine positive Reaktion hinter dir.“

Das klang gar nicht so schlecht, das musste Daniel zugeben. „Aber wem? Ich kann doch nicht einfach irgendwem erzählen, dass ich nachts in Bett mache und deshalb Windeln trage.“

„Natürlich nicht irgendwem“ Felix klang, als hätte er Daniel nicht soviel Beschränktheit zugetraut. „Einem Kumpel, im Idealfall deinem besten Freund. Dann schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe, weil dann auch noch jemand von deinen Freunden Bescheid weiß und du mit dem ewigen Übernachtungsdilemma anders umgehen kannst.“

„Das ist eine gute Idee“

„Du klingst so überrascht“ Felix lachte und Daniel fiel ein. Dann riet Felix: „Also dann verabrede dich so schnell wie möglich mit Andy zum Probe-Beichten.“

„Andy?“

„Ja, ich dachte, der ist dein bester Freund“

„Ist er eigentlich auch, jedenfalls der, mit dem ich auch schon am längsten befreundet bin. Aber er ist auch eine Labertasche, das hast du ja auf der Heimfahrt von Sophies Party mitgekriegt. Also er meint das gar nicht böse, aber er redet oft ohne groß nachzudenken und plaudert manchmal versehentlich Dinge aus. So wie er dir versehentlich erzählt hat, dass Lasse schwul ist.“

„Verstehe, das wäre bei dem Thema wohl echt nicht so cool“

„Das ist sehr beschönigend ausgedrückt, aber ja.“

„Fällt dir jemand anders von deinen Freunden ein?“

„Lasse“, antwortete Daniel prompt. „Ich kenne ihn zwar noch nicht lange, er ist ja erst seit zwei Jahren in Deutschland. Aber er ist definitiv mindestens mein zweitbester Freund und der loyalste und vertrauenswürdigste Mensch, den ich kenne.“

Okay, dann rede mit Lasse“

Täuschte er sich oder veränderte sich Felix‘ Stimme bei der Erwähnung des Namens? „Hast du noch Kontakt zu ihm gehabt nach der Party?“, fragte er möglichst beiläufig. „Ihr habt euch da ja gut verstanden.“

Ja, wir schreiben ziemlich viel und haben auch einmal telefoniert.“

So so“

„Was soll das heißen, so so?“

„Gar nichts, reg dich ab.“

„Ich rege mich gar nicht auf!“, regte Felix sich auf. „Ich weiß nur nicht, was der komische Unterton soll.“

„Es gibt keinen Unterton und keine Bedeutung“, versuchte Daniel, ihn zu beruhigen. „Ihr habt euch gut verstanden auf der Party und es ist doch schön, dass ihr weiterhin Kontakt habt.“

„Ja“ Felix klang jetzt ruhiger, sodass Daniel sich zu fragen traute. „Also magst du ihn?“

„Ja“

Das ist schön“

„Ja“

„Mögen oder mögen?“

„Was soll das?“, brauste Felix wieder auf. „Ich hab dir und Andy schon erklärt, dass ich kein Problem damit habe, dass er schwul ist, aber mehr auch nicht.“

„Okay, schon gut“, lenkte Daniel hastig ein. Er hatte den sonst so gelassenen und ruhigen Felix noch nie so impulsiv erlebt. „Tut mir Leid, ich lasse es. Deine Idee ist wirklich gut, danke für die Tipps.“

Gern geschehen. Berichtest du, wie es gelaufen ist?“

„Klar“

Die Gelegenheit bot sich schneller, als Daniel lieb war. Am nächsten Schultag fiel unerwartet die dritte Stunde aus, weil die Englischlehrerin krank geworden war. Katharina ging mit Mina und Sophie in die kleine Bäckerei gegenüber der Schule, Daniel erklärte schnell: „Ich will euch nicht stören, besprecht ihr mal in Ruhe euren Mädelskram.“ Mina und Sophie kicherten, nahmen Katharina in die Mitte und verabschiedeten sich.

Andy kramte wie sooft in seinem Rucksack herum und fragte: „Scheiße, haben wir nächste Stunde Erdkunde?“ Lasse nickte und Andy vergewisserte sich: „Und da müssen wir heute das mitbringen, was der Schulze letzte Stunde aufgegeben hat?“ Wieder nickte Lasse und Andy stöhnte: „Ja Scheiße“ „Du fluchst zu viel“, tadelte Lasse. „Hast du‘s nicht gemacht?“ „Doch, aber zu Hause vergessen. Und der Kerl hat mich eh schon auf dem Kicker, nur weil ich ein paar Mal die Unterlagen oder den Atlas nicht dabei hatte.“

Oder du nicht zuhörst und guckst wie ein Mondkalb, wenn du aufgerufen wirst“

„Ja, jedenfalls muss ich die Hausaufgaben holen.“

„Besser wäre das“, bestätigte Lasse und Andy, der nur etwa zehn Minuten mit dem Rad von der Schule entfernt wohnte, stand auf. „Ja, dann bis gleich“

Daniel hatte seinen Gedanken nachgehangen und das Gespräch der beiden nur halb verfolgt. Erst als Andy verschwunden war, dämmerte ihm, dass er jetzt ungeplanter weise eine gute halbe Stunde mit Lasse allein war. Vielleicht ein Wink des Schicksals? Jedenfalls die Gelegenheit, Felix‘ Rat zu befolgen. „Wollen wir uns eine Cola holen?“, fragte Lasse und Felix nickte. Jeweils eine Flasche Cola aus der Cafeteria in den Händen setzten sie sich auf die abgeranzte Couch in der Ecke zwischen zwei Klassenzimmern.

Daniel holte tief Luft und begann: „Wenn wir schon grade nur zu zweit hier sitzen … also ich wollte dir ohnehin was sagen.“

„Raus mit der Sprache“, forderte Lasse ihn auf und Daniel hielt sich mit zitternden Händen an seiner Colaflasche fest, wie ein Ertrinkender inmitten eines Ozeans. „Also, vielleicht hast du ja mitgekriegt, dass ich nie irgendwo anders übernachte. Also dass ich lieber mitten in der Nacht noch ewig Nachtbus fahre als bei dir oder Andy zu schlafen.“

Lasse nickte. „Es gibt eben Leute, die schlafen am besten im eigenen Bett. Vielleicht hast du Schlafstörungen oder so was.“

„Nein, das ist es nicht…“

„Sondern?“

Daniel schluckte, jetzt kam er aus der Nummer auch nicht mehr raus. „Ich hab … also es ist … ich hab…“ Lasse schwieg und schaute ihn nur aufmerksam an. Daniel war dankbar, dass er nicht nachbohrte und ihn nicht unterbrach, andererseits zog sich die Stille quälend in die Länge. Daniel atmete tief ein und antwortete dann schnell und ohne dazwischen Luft zu holen: „Ich hab manchmal ein Problem mit Bettnässen.“

So, nun war es raus. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er jemandem freiwillig – denn Felix gegenüber war es nicht freiwillig gewesen – sein größtes Geheimnis anvertraut. Er wagte nicht, seinen Kumpel anzuschauen, wartete mit klopfendem Herzen auf eine Reaktion. Das schallende Gelächter blieb aus, ebenso wie ein spöttischer Kommentar. Lasse sagte eine ganze Weile nichts, dann bemerkte er: „Jetzt verstehe ich.“ Daniel schaffte es nun doch, den Kopf zu heben. „Du lachst ja gar nicht.“ „Warum sollte ich?“, erwiderte Lasse. „Du kannst da ja nichts für.“ Daniel atmete hörbar aus und Lasse erzählte: „Meine Cousine hatte das auch ziemlich lange, bestimmt bis sie 13 oder 14 war. Und sie hat irgendwann solche Windeln für ältere Kinder bekommen. Das fand sie besser als ein nasses Bett.“ „Ist es auch“, murmelte Daniel. „Ich hab die nämlich auch. Und deswegen hab ich bisher nie irgendwo übernachtet oder jemanden bei mir übernachten lassen, weil ich Angst hatte, dass jemand was davon mitkriegt.“

Eine Weile schwiegen beide, dann grinste Lasse. Daniel schaute ihn erstaunt an, spürte, dass er sich gekränkt fühlte. Klar, wie sollte es auch anders sein, Lasse lachte ihn doch aus. Der schien zu ahnen, was Daniel befürchtete und erklärte schnell: „Nein, ich lache nicht über dich. Ich musste nur grade drann denken, wie das war, als ich bei ihr übernachtet hab. Ein- oder zweimal hab ich nämlich aus Solidarität auch eine angezogen. Irgendwie fand ich das lustig und war ein bisschen neugierig auf das Gefühl.“ Daniels Herz machte einen Sprung, so erleichtert war er. Er hatte ja auf eine positive Reaktion gehofft, aber dass Lasse so entspannt reagieren würde, dass ihm das Thema gar nicht fremd war, hätte er nicht im Traum erwartet. Mit zitternden Händen stellte er seine Colaflasche neben sich ab und fragte dann betont scherzhaft: „Und, wie war das Gefühl?“ „Weiß ich nicht mehr“, antwortete Lasse prompt und Daniel schlug vor: „Dann musst du es nochmal testen.“ „Du kannst mir ja mal eine abgeben“, gab Lasse genauso spaßhaft zurück und Daniel entgegnete: „Mach ich“ Den letzten Teil sagte er so ernst, dass er bei einem Blick in Lasses weit aufgerissene Augen lachen musste. „Das war nur Spaß“, beruhigte er ihn schnell. „Guck nicht so erschrocken.“ Lasse klappte den Mund wieder zu und brach nun doch in Gelächter aus. Daniel konnte nicht anders, er fiel ein.

Nachdem sie sich wieder halbwegs beruhigt hatten, erklärte Daniel: „Andy weiß nichts davon und Katharina auch noch nicht. Mit ihr muss ich auf jeden Fall reden, mit Andy vielleicht auch. Aber du bist der Erste, dem ich davon erzählt habe.“ Lasse nickte und gab zu bedenken: „Andy ist zwar eine – wie sagt man auf Deutsch – Quasselschnur?“ „Quasselstrippe“, grinste Daniel und Lasse fuhr fort: „Ja, genau. Aber das macht er nicht mit Absicht und wenn man ihm sagt, dass er etwas nicht weitererzählen soll, hält er sich bestimmt auch daran. Er denkt nur manchmal nicht nach.“ „Wenn du wüsstest“, dachte Daniel, verkniff sich den Kommentar aber und nickte. „Aber mit dir als erstes reden war einfacher.“ Lasse lächelte und Daniel folgte einer spontanen Eingebung: „Willst du am Samstag bei mir übernachten? Wir wollten uns ja ohnehin schon ewig mal wieder zum Zocken verabreden.“ Der Däne wirkte etwas überrascht und Daniel murmelte: „Du musst nicht, wenn du nicht willst oder keine Zeit hast. Ich wollte die Chance nur nutzen.“

„Doch, können wir gerne machen“

„Cool. Dann siehst du Felix wieder“

„Felix?“ Jetzt klang Lasse noch erschrockener als auf Daniels scherzhaften Vorschlag mit den Windeln. „Ja, der kommt auch“, erklärte Daniel. „Ich dachte, das wäre für euch beide okay, weil ihr euch doch gut verstanden habt.“

„Haben wir auch und ja klar ist es okay. Ich wundere mich nur, dass er auch bei dir übernachten kann bzw. das nach Sophies Party schon gemacht hat. Ich dachte niemand weiß von deinem Problem.“

Mist! Daniels biss sich auf die Unterlippe, er konnte ja nun schlecht verraten, dass Felix und ihn das Thema Windeln auf eine ganz andere Art verband als nur darüber zu reden. Er rettete sich mit einer Art Halbwahrheit. „Ja, so wirklich freiwillig erzählt hab ich es nur dir. Aber Felix weiß es auch, nur nicht so ganz freiwillig. Er hat es im Krankenhaus mitgekriegt, dann hab ich ihm alles erzählt.“

„Ah verstehe. Ja, dann können wir uns gerne am Samstag zu dritt treffen.“

„Prima. Außerdem bist du doch ihn verknallt, ich dachte, dir wäre das ganz recht.“

„Was?“ Lass sprang so abrupt von der Couch auf, dass er seine Cola umkippte. „Ach verdammt“ Er wrang den Bund seines Pullovers aus und wischte mit ein paar Taschentüchern auf dem Boden herum. Dabei erklärte er: „Ich bin nicht in ihn verknallt!“

„Natürlich nicht“ Daniel half ihm beim Wischen und Lasse klang nun wirklich verärgert, völlig untypisch für den sonst so gelassenen Jungen. „Ich bin nicht verknallt. Ich mag ihn, er ist ein netter Kerl. Punkt!“

„Okay“ Daniel wollte es dabei belassen, konnte sich den Nachtrag aber doch nicht verkneifen. „Er mag dich übrigens auch.“

„Hat er das gesagt?“ Nun war Lasses Interesse plötzlich wieder bei Daniel statt bei der verschütteten Cola und als der zu einer Antwort ansetzen wollte, kam Andy zurück. Daniel schaute Lasse fragend an, aber der schüttelte abwehrend den Kopf und wand sich an Andy: „Hast du die richtigen Unterlagen eingepackt?“

Immer noch fassungslos wie glatt das Gespräch gelaufen war, verkrümelte sich Daniel nach Schulschluss zu Hause in sein Zimmer.

„Hey“ Felix klang überrascht. „Hast du schon was zu berichten?“

„Ja, hat sich heute zufällig ergeben und es war gar nicht schlimm.“

„Nun lass dir nicht alles aus der Nase ziehen“, verlangte Felix und Daniel erzählte: „Es ist mir unglaublich schwer gefallen, aber als es dann mal raus war, war ich vor allem erleichtert. Und Lasse war echt entspannt, er hat mich nicht ausgelacht und auch versprochen, es nicht weiter zu sagen.“

„Na siehst du“ Felix war anzuhören, wie zufrieden er war. Daniel kicherte. „Und weißt du, was das Beste ist?“

Ne, woher sollte ich?“

„Er kennt das Thema von seiner Cousine. Die hatte das Problem auch, also nicht so lange wie ich, aber bis sie 13 oder 14 war, hatte sie auch nachts Windeln an.“

„Ach“ Felix wusste darauf scheinbar keine Antwort, also fuhr Daniel fort: „Ich hab ihn auch einladen für Samstag.“

Felix‘ POV „Ach“ Felix verdrehte über sich selbst die Augen, eine noch blödere und desinteressiert klingende Antwort hätte ihm echt nicht einfallen können. Daniel klang besorgt „Ich dachte, das wäre okay, weil du ja gestern noch meintest, dass ihr euch gut versteht.“ „Ja, tun wir auch“, beeilte sich Felix zu versichern. „Es ist okay. Ich dachte nur…“ Er wusste selbst nicht so ganz genau, was er eigentlich dachte. Und selbst wenn er es genau gewusst hätte, hätte er es nicht in Worte fassen können, schon gar nicht Daniel gegenüber. Ja, er fand Lasse nett, freute sich auch, ihn wiederzusehen. Aber würde es dann nicht komisch werden zu dritt? In vielerlei Hinsicht… Mit Lasse, nachdem sie sich seit der Halloweenparty nicht mehr gesehen hatten und jetzt wäre Daniel dabei. Jetzt würden sie sich zu dritt treffen, nachdem Daniel aus ihm herausgequetscht hatte, dass er ihn mochte. Was er ja auch tat, aber auch nicht mehr, unabhängig von Daniels blöden Unterstellungen. Aber trotzdem würde es vielleicht komisch werden. Und außerdem hatte er darüber nachgedacht oder sich vielleicht sogar gewünscht, er könnte…

„Bist du noch dran?“ Daniel klang hörbar irritiert. „Ist was?“

„Ja ja“, stotterte Felix. „Und nein, es ist nichts. Der Empfang war nur weg, hast du noch was gesagt?“

„Du kannst auch ‘ne Windel haben, wenn Lasse hier ist. Er weiß ja quasi Bescheid, außerdem hatte er mit 14 selbst mal eine an, von seiner Cousine.“

Stopp – was? „Wie … was … also wie kommst du darauf, dass ich das will?“

„Der Empfang war nicht das Problem, ich konnte dich seufzen hören. Entweder beschäftigt es dich, dass Lasse kommt, und du hast mir ja erklärt dass du ihn einfach nur nett findest ohne dass da mehr ist. Also hast du darüber nachgedacht, ob wir trotzdem Windeln tragen können, wenn er auch hier schläft.“

„Du kannst das natürlich, du hast ja auch nen Grund“

Daniels triumphierendes „Also doch“ zeigte ihm, dass der einfach nur wild spekuliert hatte. „Ich muss und du willst?“, vermutete Daniel und Felix murmelte: „Weiß nicht, ich hab nur gedacht … na ja, ich will ja nicht, dass mir nochmal so was passiert wie nach der Party, wenn ich bei dir übernachte. Also wenn dann nur als Vorsichtsmaßnahme“

„Klar“, ging Daniel zu seiner Erleichterung auf seinen Vorwand ein, obwohl sie sie beide spürten, dass das sehr an den Haaren herbei gezogen war. „Wie gesagt, Lasse weiß es von mir. Er hat sogar rum gealbert, dass er sich ja gar nicht mehr so richtig erinnern kann, wie er es damals fand, als er selbst eine anhatte, und das deswegen nochmal wiederholen würde. Also wenn wir was getrunken haben oder es einen anderen Grund gibt, aus dem du eine anziehen willst, kannst du das ruhig machen.“

Mit dieser Versicherung verabschiedete sich Daniel, um noch mit Katharina zu telefonieren, und überließ einen sehr verwirrten Felix sich selbst. Er würde also Lasse am Samstag wiedersehen. Und vielleicht würde sich sogar trotzdem eine Gelegenheit ergeben, nochmal eine Windel anzuziehen. Was auch immer diese Gedanken in ihm ausgelöst hatte, sie ließen ihn einfach nicht mehr los. Je mehr er darüber nachdachte, desto verrückter kam es ihm vor. Er hatte sich nach seinem Missgeschick, als er bei Daniel ins Bett gemacht hatte, so geschämt, sich noch mehr geschämt, als Daniel ihm zur Sicherheit eine Windel angezogen hatte. Aber gleichzeitig war da auch bei aller Scham und allem im Boden versinken und nie wieder daran denken wollen ein bisschen Bauchkribbeln – und zwar eindeutig positives Bauchkribbeln… Beim Gedanken an Samstag wurde ihm nun aus zwei Gründen ganz warm im Bauch und er fragte sich, wie er die Tage bis dahin überstehen sollte ohne sich wie ein kompletter Vollidiot zu benehmen.


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