Sieben Minuten Weltuntergang

Lilly strich sich seufzend eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht und warf einen Blick in den Himmel. Der hatte sich in den letzten Minuten bedrohlich verdunkelt und das so sehnlich herbei gesehnte Gewitter schien nicht mehr lange auf sich warten zu lassen. Lilly wünschte sich zwar ebenso dringend wie alle anderen Regen und Abkühlung, die unerträglich schwüle Hitze der letzten Tage hatte sie fertig gemacht. Jedoch konnte das Unwetter nun bitte noch warten, bis sie im Bus saß. Sie verlagerte ihr Gewicht von einem Bein auf das andere und ärgerte sich, dass sie nach der Vorlesung nicht mehr auf die Toilette gegangen war. Na ja, was soll’s, sie war ja bald zu Hause. Sie schaute auf die elektronische Anzeige, noch zwei Minuten.

In dem Moment nahm sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr und sah dann eine Gestalt auf die Bushaltestelle zustürzen. Achtlos ließ diese die Tasche neben sich fallen und keuchte: „Puh, zum Glück war der Bus noch nicht da!“ Mikosch – wie immer unpünktlich, wie immer chaotisch.
Mit seinen hippieähnlichen Klamotten, den losen Blättern in der Schultertasche, die er meist erst einmal über drei Tische verteilte, bis er die gesuchte Mitschrift fand, und dem reichlich antik aussehenden Füller wirkte er immer ein bisschen fehl am Platz, wie aus einer anderen Zeit. Aber gleichzeitig bewies er mit Arbeiten, Präsentationen und auch den entsprechenden Noten, dass hinter seinem weltfremden Äußeren eine mit Intelligenz und Kreativität gesegnete Künsterseele steckte. Lilly entsprach mit ihrem langweiligen, spießigen Kleidungsstil, dem brav zu zwei Zöpfen geflochtenen blonden Haaren und der unauffälligen schwarzen Brille dem Inbegriff einer Streberin, studierte hauptsächlich auf das Drängen ihrer Eltern Germanistik und steuerte auf eine gesicherte Zukunft als Lehrerin zu. Der exzentrische Mikosch hingegen schien zu Höherem berufen. Ihre überwiegend weiblichen Kommilitoninnen fanden seinen ungarischen Akzent und den Schlafzimmerblick unter seinen schokobraunen wirren Ponyfransen sexy. Lilly hingegen gestand sich das nicht gern ein – war er doch so gar nicht ihr Typ – aber sie bewunderte seine unaufgeregte Lässigkeit; er ließ alle Verehrerinnen abblitzen ohne dabei jemals unfreundlich zu wirken, überraschte mit klugen Aussagen ohne überheblich zu wirken und begann von grandenlosem Idealismus geprägte Diskussionen ohne intolerant zu wirken.

Als er ihr jetzt gegenüberstand, musste sie weiterhin etwas widerstrebend feststellen, dass er keinen schlechten Körper hatte. Nicht zu protzige Muskeln, sondern schlanke Beine, eine schmale Hüfte und ebenso schmale Schultern. Außerdem war er gar nicht soviel größer als sie selbst, was sie persönlich auch nicht schlecht fand. „Schluss jetzt“, schalt sie sich in Gedanken, Mikosch kannte vermutlich nicht mal ihren Namen. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte er freundlich: „Hallo Lilly“ „Äh hi“, stotterte sie – verdammt, der Akzent klang wirklich sexy! – und wurde sich ihres verschwitzten Shirts und ihrer langweiligen Gretel-Zöpfe plötzlich überdeutlich bewusst. Ihr Rucksack schien mit einem Mal tonnenschwer und dass sie auf Toilette musste, minderte ihr Unbehagen auch nicht.

„Musst du auch in Richtung Gartenstadt?“, unternahm sie den kläglichen Versuch, ein Gespräch anzufangen. Blöde Frage, wenn er nicht wie die meisten anderen mit der Straßenbahn fuhr, sondern an der kleinen Bushaltestelle in der Nähe der Uni herumstand, würde das wohl so sein. „Nein, ich finde die Plexisglashäuschen an Bushaltestellen haben einen unvergleichlichen Charme, der von 36 Grad und 73% Luftfeuchtigkeit noch verstärkt wird.“ Einen Moment starrte sie ihn verblüfft an, dann bemerkte sie seine zuckenden Mundwinkel und musste kichern, während sie gleichzeitig spürte, wie sie rot anlief und ihr, falls das überhaupt möglich war, noch heißer wurde. In dem Versuch, nicht ganz so geistig minderbemittelt zu wirken, erklärte sie: „Ich hab dich noch nie in dem selben Bus gesehen.“ „Ich verpasse den ersten Bus nach der Vorlesung meistens“, grinste Mikosch und diese charmante Ehrlichkeit brachte auch Lilly zum Schmunzeln und sorgte dafür, dass sie sich etwas weniger unwohl fühlte.

„Eigentlich müsste der Bus längst da sein“ Verwundert warf sie einen Blick auf die Anzeigentafel, las den unter den Abfahrtszeiten durchlaufenden Text und stöhnte: „Ach ne“ Wegen eines Unfalls mit einem Lastwagen war ein Tunnel für den Verkehr gesperrt und die Busse fielen für unbestimmte Zeit aus. Lilly überlegte, was nun den meisten Sinn machte: Zur Uni zurück, dort die Sraßenbahn nehmen und den Rest zu Fuß gehen? Vermutlich die beste Idee, außerdem könnte sie dann in der Uni schnell auf die Toilette gehen, nun wäre sie ja nicht gleich zu Hause. „Na dann“ Seufzend setzte sie ihren Rucksack auf, warf Mikosch einen kurzen Blick zu und wollte losgehen. „Wo willst du hin?“, fragte Mikosch verwundert und sie erläuterte ihren Plan (verschwieg dabei nur, dass sie allmählich etwas nötiger auf die Toilette musste und die Chance in der Uni nutzen wollte). Mikosch schüttelte jedoch den Kopf. „Das ist doch Unsinn“, widersprach er. „In der Zeit sind wir auch nach Hause gelaufen.“ „Zu Fuß?“, wiederholte Lilly zweifelnd und Mikosch grinste schon wieder so unverschämt: „Also ich laufe für gewöhnlich auf meinen Füßen, ja. Wenn du lieber die Hände nimmst, tu dir keinen Zwang an. Hauptsache, wir stehen nicht noch länger sinnlos hier rum.“ „Aber es regnet gleich“, wand Lilly mit einem Blick zum Himmel ein. „Na und?“, gab Mikosch unbeeindruckt zurück. „Bist du aus Zucker? Du wirkst nicht wie jemand, der einen Nervenzusammenbruch kriegt, wenn die kunstvolle Frisur nass wird.“ „Tu ich auch nicht“, stammelte Lilly überrumpelt und zerrte verlegen das Zopfgummi von einem ihrer Zöpfe. „Also ich steh jetzt nicht jeden Tag stundenlang im Bad und ich hab Dinge, die mir wichtiger sind, aber es ist nicht so, dass es mir egal ist, wie ich aussehe und…“ „Entspann dich“, unterbrach Mikosch sie. „Das war ein Kompliment. Ich finde wenig ätzender als diese Schaufensterpuppen, die nichts als ihre Frisur oder Schuhe im Kopf haben.“ „Ähm okay, dann danke“, stotterte Lilly, Mikosch grinste weiter: „Für die Wahrheit muss man sich nicht bedanken. Also gehen wir?“


Lilly fiel nun keine Ausrede mehr ein, die Wahrheit war ihr viel zu peinlich und sie beschloss, sich ein bisschen zusammenzureißen. Sie war die Strecke bei angenehmeren Temperaturen schon häufiger gelaufen und auch wenn Mikosch sie immer noch nervös machte, erfüllte der Gedanke auf einen gemeinsamen Spaziergang sie mit kribbeliger Vorfreude. Also schulterte sie ihren Rucksack und folgte Mikosch.

Zu ihrer großen Überraschung schaffte es der exzentrische Ungar schon nach wenigen Minuten, dass sie sich wohl fühlte in seiner Gegenwart. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt, lachten miteinander und er gab ihr kein bisschen das Gefühl, sie langweilig zu finden. Und selbst dass sie langsam wirklich auf Toilette musste, ließ sich recht gut verdrängen.

Sie waren noch nicht lange unterwegs, da verdunkelte sich der ohnehin schon graue Himmel vollkommen und ehe sie sich versahen, fielen die ersten dicken Tropfen. Lilly zuckte zusammen und steuerte hastig auf einen Dachvorsprung zu. „Was hast du vor?“ Mikosch hielt sie zurück, der Regen prasselte so laut, dass er ganz nah an ihr Ohr kommen musste, damit sie ihn verstand, sie spürte seinen Atem auf ihrer Wange und rief hastig: „Was schon? Wir müssen uns unterstellen.“ „Käse müssen wir“, widersprach Mikosch und blieb mitten auf dem Gehweg stehen. „Die Abkühlung ist fantastisch!“ Er stand mitten im Regen, längst tropfnass, legte den Kopf in den Nacken, ließ sich den Regen ins Gesicht fallen und breitete die Arme aus. „Du bist verrückt!“, rief Lilly unter ihrem Unterstand hervor, war aber gegen ihren Willen auch beeindruckt von der Aktion. „Und du verpasst was!“, rief Mikosch zurück und bevor Lilly noch protestieren konnte, lief Mikosch auf sie zu, griff ihre Hand und zog sie in den strömenden Regen. „Spinnst du“, quickte sie erschrocken, versuchte halbherzig, sich loszureißen, aber statt sie loszulassen, packte Mikosch auch ihre zweite Hand und begann, sich ihr gegenüber stehend immer schneller im Kreis zu drehen. Lilly gab ihren Protest endgültig auf, nass bis auf die Haut war sie ohnehin schon und eigentlich hatte Mikosch Recht: Die Abkühlung fühlte sich großartig an und ein bisschen Verrücktheit, ein Moment Auszeit aus ihrem ansonsten so geordneten Leben, konnten bestimmt nicht schaden. Sie ließ sich von Mikosch herumwirbeln, bis ihnen beiden ganz schwindelig war, dann blieben sie kichernd und nach Luft schnappend nebeneinander stehen. Mikosch hielt immer noch ihre linke Hand, machte keine Anstalten, die wieder los zu lassen, und Lilly stellte erstaunt fest, wie angenehm sich das anfühlte.

Wenn sie nicht inzwischen so verdammt dringend auf Toilette gemusst hätte, wäre die Situation durchweg spannend und aufregend gewesen. So versuchte sie zwar, Mikosch anzulächeln, das fiel aber wohl etwas kläglich aus, denn er fragte besorgt: „Alles okay?“ Sie nickte hastig, aber die Schamesröte, die ihr ins Gesicht stieg, ein heftiger Atemzug und ihre unruhig auf der Stelle tippelnden Füße straften sie Lügen. Mikosch ließ seinen forschenden Blick auf ihr ruhen und stellte dann fest: „Du bist eindeutig nicht okay. Hab ich was falsch gemacht?“ Er sah nun so traurig aus, dass Lilly ihn nicht anlügen wollte, außerdem brauchte sie ihre ganze Konzentration dafür, sich nicht in die Hose zu machen, da blieb nichts mehr zum Ausreden erfinden übrig. Sie schaute an Mikosch vorbei auf die riesigen Pfützen, die sich auf der Straße gebildet hatten, und murmelte beschämt: „Nein, hast du nichts. Ich muss nur mega dringend auf Toilette, ich dachte, ich bin viel früher zu Hause.“ „Ach so“ Mikosch wirkte tatsächlich erleichtert und musste im gleichen Moment lachen. „Das ist nicht lustig!“, beklagte Lilly sich. Da Mikosch nun Bescheid wusste, musste sie das Problem zumindest nicht mehr verheimlichen und hibbelte ziemlich offensichtlich vor ihm herum. Sie wippte mit den Knien, presste die Oberschenkel fest aneinander und musste sogar einmal kurz die Hand zur Hilfe nehmen. Sie schämte sich in Grund und Boden, hatte es eine Chance gegeben, dss Mikosch sie vielleicht nett, interessant gefunden hatte, auf ihren Spaziergang ein weiteres Treffen hätte folgen können, dann hatte sie sich das jetzt selbst ruiniert. Warum war sie nicht einfach in der Uni nochmal aufs Klo gegangen?

Mikosch schien jedoch primär daran gelegen, ihr zu helfen. Er schaute sie an und stellte mit einer Mischung aus Verwunderung und Mitgefühl fest: „Oh verdammt, du musst ja echt dringend.“ Lilly nickte nur verzweifelt, zu einer Antwort nicht mehr fähig. „Und hier gibts auch nichts“, analysierte Mikosch ihre Notsituation gnadenlos weiter und sie musste sich beherrschen, ihn nicht anzuschnauzen. Er konnte ja nichts dafür, dass sie so doof gewesen war. Mikosch schaute sich auf der menschenleeren Straße um und schlug dann vor: „Mach doch einfach“ „Was?“ Lilly hatte seinen Vorschlag zwar verstanden, wollte aber sichergehen, dass er das ernst meinte. Aber er erklärte ungerührt: „Hier ist kein Mensch und nass sind wir sowieso, da fällt das nicht weiter auf.“ „Das … ich kann doch … das geht doch nicht“, stotterte sie völlig perplex und Mikosch grinste etwas verlegen: „Ach doch, man kann schon“ „Hast du das schon mal gemacht?“, wollte Lilly fassungslos wissen und Mikosch‘ leicht beschämtes Schulterzucken war Antwort genug. Er erbarmte sich aber und ergänzte: „Auf ’nem Festival, also da war ich betrunken, aber dafür war alles voller Menschen. Soll ich dir was sagen?“ Sie nickte und er gestand: „Irgendwie is‘ es auch ein kleines bisschen cool. Weil man in aller Öffentlichkeit was total Unanständiges tut, ohne dass es jemand merkt.“ Lilly schien noch nicht überzeugt und so versprach er: „Ich guck auch nicht.“ Lilly wusste nicht mehr weiter und ihr blieb ohnehin keine wirkliche Wahl mehr, sie wusste, dass es hier in der Nähe weder ein Gebäude mit einer öffentlichen Toilette noch ein Gebüsch oder ähnliches gab. Also bettelte sie: „Versprochen, wirklich nicht gucken“ „Großes Ehrenwort“, versicherte Mikosch und drehte sich um.

Lilly biss sich auf die Lippe, hibbelte noch ein bisschen halbherzig, aber dann nahm ihr Körper ihr eine wirklich bewusste Entscheidung ab. Ohne dass sie noch etwas dagegen tun konnte, wurde erst ihr Slip feucht, dann die dünne Leinenhose und schließlich floss es warm ihre Beine hinab, mischte sich mit dem immer noch fallenden Regen und auch wenn sie sich wahnsinnig schämte, spürte sie eine große, ihren ganzen Körper durchflutende Erleichterung. Und es passte zu dieser ganzen verrückten Situation, die eher an einen Traum als ihr normales Leben erinnerte. Mikosch hatte Recht gehabt: Es war nicht ausschließlich beschämend und peinlich, sondern auch ein kleines bisschen heimlich aufregend, ihr ganzer Körper vibrierte innerlich vor Spannung.

Mikosch drehte sich nun wieder um und schaute sie aufmerksam an. Sie senkte verlegen den Blick, aber er stellte fest: „Du grinst…“ „Gar nicht wahr“, protestierte sie, merkte aber selbst, dass das nicht überzeugend war. Sie warf einen Blick auf ihre Hose, ihre nassen Füßen in den ebenfalls klatschnassen Sandalen und Mikosch versicherte: „Man sieht nichts, glaub mir. Guck, ich bin genauso nass, ohne dass ich in die Hose gemacht hab.“ „Woher soll ich wissen, dass du das nicht getan hast? Du hast ja selbst gesagt, man sieht nichts.“ Lilly schüttelte in Gedanken den Kopf über sich selbst, sie hatte ein bisschen das Gefühl, der Tanz im Regen hätte sie betrunken gemacht. Mikosch zuckte die Schultern und grinste zurück: „Tja, dann weißt du das wohl tatsächlich nicht. Aber vielleicht verrate ich es dir, wenn du ganz lieb fragst.“

Sie schwiegen einen Moment, grinsten sich etwas verlegen an und mit einem Mal endeten die sieben Minuten Weltuntergang so plötzlich, wie sie begonnen hatten. Lilly zupfte mit zitternden Finger an der Spitze ihres Zopfes herum, presste das Regenwasser heraus und Mikosch nahm wieder ihre Hand. „Komm, wir gehen zu mir und schmeißen die Klamotten in die Waschmaschine. Außerdem, ich brauch auch eine Dusche.“

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