Unfall mit Folgen Teil 6 Übernachtung mit Folgen

Folgenschwere Übernachtung

Zunächst schien er sich ganz umsonst Sorgen gemacht zu haben. Lasse begrüßte ihn am Samstagabend freundlich und die Stimmung war gut, locker und unverkrampft. Sie spielten eine Weile an Daniels PC, gewannen mit ihrem Clan eine bedeutende Schlacht, tranken Cola und hatten Spaß. Felix war erleichtert, dass er sich so wohl fühlte mit den beiden, es entgegen seiner Befürchtung nicht komisch war. Im Gegenteil, er hatte den Eindruck, die beiden schon ewig zu kennen, konnte mit ihnen lachen und drauf los quatschen, ohne wie es sonst oft seine Angewohnheit war, lange über jeden Satz nachzudenken. Wenn sich sein Blick mit dem von Lasse traf, zuckte er zusammen, konnte sich aber jedes Mal schnell wieder auf das Spiel konzentrieren. Tatsächlich war es der Däne, der das Spiel unterbrach und einen weiteren glorreichen Sieg verhinderte. „Sorry“, murmelte er und rutschte von dem Küchenstuhl, den Daniel neben seinen Schreibtischstuhl und den großen Sitzball, auf dem Felix saß, gestellt hatte. Daniel zog die Augenbrauen nach oben. „Musst du schon wieder aufs Klo?“ Lasse nickte nur und verschwand.

Daniel nutze die Gelegenheit und schaute Felix an. „Alles okay?“ Felix nickte, ja, es war alles okay, mehr als okay. „Du hast ganz rote Wangen“, neckte Daniel ihn und er behauptete: „Es ist ja auch warm hier drin.“
„Steht dir frei, dich auszuziehen“
„Wir könnten auch einfach mal das Fenster aufmachen“
„Wie langweilig“, spottete Daniel, erhob sich aber und ließ frische Luft ins Zimmer. Als Lasse zurückkam, schaute er ihn an. „So, was machen wir mit dir?“
„Hey, so schlecht war ich gar nicht“, verteidigte sich Lasse. „Ich hab das auch ewig nicht mehr gespielt.“
„Wir wären viel erfolgreicher, wenn wir nicht andauernd für dich Toilettenpausen machen müssten.“
„Andauernd, du übertreibst. Aber ja, meinetwegen kann ich mir Wasser statt Cola holen.“
„Oder wir ziehen dir Windeln an zum Spielen.“

Felix traute seinen Ohren nicht, hatte Daniel das explosive Thema gerade wirklich so locker in den Raum geworfen? Er hatte. Irgendwie war es die ganze Zeit um sie herum geschwebt, zumindest durch Felix‘ Gedanken gegeistert. Dass Lasse nun davon wusste, zumindest von Daniel, dass er selbst mit 14 einfach so, aus Neugier oder Solidarität eine Windeln von seiner bettnässenden Cousine getragen hatte, und dazwischen der Wunsch, vielleicht auch selbst eine anzuziehen.

Lasse war sich offensichtlich auch nicht sicher, ob er sich verhört hatte. Er starrte Daniel mit so schreckgeweiteten Augen an, dass der grinste: „Das war nur ein Scherz.“ „Den Scherz hast du jetzt aber schon zum zweiten Mal gebracht“, erwiderte Lasse und legte den Controller beiseite. „Hey, wollen wir nicht weiterspielen?“, unternahm Felix einen kläglichen Versuch, aber Lasse schüttelte den Kopf. „Ne, das interessiert mich viel mehr.“ „Außerdem ist die Schlacht sowieso verloren“, urteilte Daniel nach einem letzten Blick auf den Bildschirm und setzte sich von seinem Schreibtischstuhl auf die Couch. Felix und Lasse folgten ihm, sie mussten ein Stück zusammenrücken, er saß wieder so eng neben Lasse wie auf Sophies Party auf dem schmalen Fensterbrett. Einen Moment spukte Andys Vermutung durch seine Gedanken, ob Lasse ihn wirklich auf die Art nett fand? Ach, das war doch Unsinn, sie waren einfach „nur“ Freunde. Lasse riss ihn aus seinen Grübeleien, als er Daniel anschaute und ihn aufforderte: „Raus mit der Sprache!“

Daniels POV
Na großartig, da hatte er sich ja selbst in eine Situation hinein manövriert, aus der er nun nicht mehr raus kam. Sollte er alles als Scherz abtun? Das Thema beiseite schieben und auf sich beruhen lassen? Zum Schlafen gehen im Bad eine Windel anziehen, sich damit ins Bett legen und fertig? Oder sollte er ehrlich sein? Lasse gegenüber, Felix gegenüber und nicht zuletzt auch sich selbst gegenüber. Er schaute die anderen beiden an, Lasse hing an seinen Lippen und Felix, der kleine Feigling, schwieg ebenfalls, ließ ihn die Suppe ganz allein auslöffeln.

Nach einem großen Schluck Cola gestand er schließlich den Blick aus dem Fenster gerichtet: „Ja, ich mache das wirklich manchmal.“
„Was jetzt genau?“, fragte Lasse nach. „Beim Zocken Windeln anziehen?“
„Ja, oder beim Film gucken oder allgemein abends, obwohl ich noch nicht schlafen gehe. Dann, wenn es halt praktisch sein kann, weil andauernd aufs Klo laufen nervt. Das hat sich irgendwann so entwickelt, ich brauche sie ja eh und so kann ich dem ganzen Mist manchmal auch was Positives abgewinnen.“
Wieder wirkte Lasse nicht erschrocken oder verstört, sondern nickte nur nachdenklich. „Das kann ich mir – na ja nicht richtig vorstellen, aber ahnen. Ich weiß nicht genau, ob es ein deutsches Wort für das gibt, was ich meine. Eine Art Kompromiss damit“
„Ja genau“ Daniel schaute ihn erstaunt an, Lasse verstand viel besser als gedacht, was er meinte. Und nun war er schon so ehrlich gewesen und so positiv überrascht worden, also dann endgültig raus mit der Wahrheit. „Es ist praktisch, es ist auch ein bisschen Trotz, so von wegen „wenn ich eh muss, dann kann ich gefälligst auch Vorteile davon haben“ und dadurch ist es manchmal irgendwie auch spannend.“
„Verstehe“, wiederholte Lasse und erzählte dann zu Daniels Verblüffung. „Das war bei meiner Cousine auch so. Also welche Gedanken sie sich darüber gemacht hat, weiß ich nicht, da redet man mit 12 nicht unbedingt in der Tiefe drüber. Aber sie hat auch manchmal abends lange vor dem Schlafengehen ihre Windel schon angezogen und meinte, dann muss sie nicht andauernd zum Klo gehen, und dass es gemütlich ist.“
„Und damit hat sie dich neugierig gemacht?“

Jetzt biss Lasse sich auf Lippe und warf Felix einen unsicheren Blick zu. Dann erzählte er: „Ja, ich war neugierig, wollte wissen, wie sich das anfühlt. Und auch aus Solidarität, damit sie sich nicht so allein fühlt.“
„Ja, es ist ein gutes Gefühl, wenn man damit nicht allein ist.“
Daniel hatte Felix nicht angeschaut, den Satz einfach in den leeren und inzwischen kühl gewordenen Raum geworfen. Aber Lasse hatte augenblicklich begriffen und starrte Felix an. Der wiederum warf Daniel einen Blick zu, der die Raumtemperatur noch um mindestens zehn weitere Grad abfallen ließ, und Daniel bemühte sich, echte Reue in seinen Blick zu legen. Das kommentierte Felix nur mit einem verächtlichen „Pfff“, stand dann auf, schloss das Fenster und stellte fest: „Du brauchst Andy nicht nochmal vorwerfen, er wäre ne Tratschtante.“
„Sorry“, murmelte Daniel, ein bisschen Leid tat ihm seine Aussage nun doch. Aber Lasse entgegnete: „Na komm, wir haben doch jetzt alle schon gebeichtet, nun musst du auch erzählen.“

Felix‘ POV

So ungern er zugab, damit hatte Lasse nicht Unrecht. Also begann er: „Ich hab dir ja erzählt, dass ich wegen Nierenbeckenentzündung im Krankenhaus war.“ Lasse nickte, wenn er schon etwas ahnte, verbarg er das gut. Also erzählte Felix: „Ich musste da auch Windeln anziehen, also nur zwei Tage lang, dann war es besser. Aber deswegen konnte Daniel so gut mit mir darüber reden und hat sich nicht so allein gefühlt.“
„Und wenn du bei ihm übernachtest, machst du das auch Daniel zuliebe?“ Lasse schien keine Ahnung zu haben, wie nahe diese Vermutung der Wahrheit kam, aber Felix nickte. „Ich fand das im Krankenhaus natürlich nicht gut, also nur schlimm und peinlich, außerdem hatte ich Schmerzen. Aber gleichzeitig war es zumindest danach irgendwie auch spannend, so ganz losgelassen hat mich das Thema nicht mehr. Und als ich dann bei Daniel übernachtet habe, hab ich auch eine Windel angezogen, obwohl ich da keinen Grund mehr hatte. Einfach nur aus Solidarität und na ja, weil ich es irgendwie gut finde. Ich weiß auch nicht, warum. So, jetzt kannst du mich für völlig verrückt halten.“ Der letzte Satz klang ein bisschen trotzig, dabei hatte Felix genau davor Angst. Er hielt sich ja selbst schon für verrückt, wie sollte es da Lasse gehen?

Aber der erklärte: „Tu ich nicht. Ich finde es ungewöhnlich, aber ich kann das, was Daniel erzählt hat, schon irgendwie verstehen. Und, wie gesagt, ich hab es ja bei meiner Cousine auch gemacht. Also da war ich noch jünger, aber auch schon viel zu alt, um noch Windeln anzuziehen.“ Sie schwiegen, schauten aus dem Fenster und es war Daniel, der die Stille schließlich durchbrach. „Also findest du uns höchstens ein bisschen verrückt.“ „Genau“, bestätigte Lasse und das nun folgende Gekicher lockerte die angespannte Stimmung.

Dann schaltete Daniel den Fernseher an, sie ließen sich von einer Spielshow berieseln und Felix hing seinen Gedanken nach. So ganz glauben konnte er es immer noch nicht. Er hatte gerade einem gleichaltrigen Jungen, den er noch gar nicht lange kannte, erzählt, dass er es spannend fand, sich eine Windel anzuziehen, ohne dass es einen echten Grund gab – dass er es mochte, zählte wohl nicht als Grund, oder? Er ließ den Blick durch Daniels Zimmer gleiten und blickte dabei in Lasses Augen, der hatte ihn scheinbar beobachtet. „Was guckst du so?“, fragte er, Lasse zuckte mit den Achseln und murmelte dann zögernd: „Ach nichts, ich hab mich nur gefragt, ob ihr nachher … also na ja … eben eine …“ „ob wir eine Windel anziehen, wenn du hier bist?“, vervollständigte Daniel und Lasse nickte hastig. „Ich muss ja“, sagte Daniel und Lasse entgegnete: „Ja, aber erst zum Schlafengehen und Felix muss gar nicht.“
„Stimmt“ Wieder Schweigen, dann stellte Daniel amüsiert fest: „Vorhin hast du mir vorgeworfen, ich würde dauernd mit dem Thema anfangen, aber dir scheint es selbst keine Ruhe zu lassen.“
„Ich bin neugierig“, gab Lasse zu.
„Worauf?“
„Auf Windeln“
Daniel grinste: „Ich hab genug da und du bist nicht größer als Felix.“ Lasse starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, aber im Gegensatz zum ersten Mal, als Daniel den Vorschlag gemacht hatte, widersprach er nicht. „Ich hab ja gesagt, ich müsste das nochmal wiederholen, um es richtig beurteilen zu können. An damals kann ich mich gar nicht mehr erinnern.“
„Das lässt sich einrichten“ Daniel erhob sich, kramte kurz in seinem Schrank herum und drückte Felix und Lasse jeweils eine gefaltete Windel in die Hand.
„Und du?“ Felix erkannte seine eigene Stimme nicht richtig wieder, sie klang rau und schien zu zittern. Er konnte nicht ganz fassen, was da gerade passierte. Daniel winkte mit der Windel in seiner Hand und erklärte: „Ich mach auch den Anfang.“
Damit verschwand er und Felix und Lasse blieben schweigend auf der Couch sitzen. Felix wäre gerne näher an ihn heran gerutscht um zu spüren, ob der genauso zitterte wie er selbst, blieb aber wie angegurtet sitzen.

Zu seiner Erleichterung war Daniel routiniert und entsprechend schnell wieder da. „Bitteschön, ihr wisst ja, wo das Bad ist.“ Felix warf Lasse einen hilflosen Blick zu, aber der wehrte ab. „Bitte geh du zuerst“ Ein bisschen wie ferngesteuert kam Felix der Aufforderung nach und tauschte wenige Minuten später den Platz mit Lasse. Bis der sich erhoben hatte, war Felix noch nicht sicher gewesen, ob er nicht einen Rückzieher machen würde. Daniel schien das gleiche zu denken. „Glaubst du, er kommt gleich ohne wieder?“
„Weiß nicht, aber jetzt haben wir ihn schon so weit, ich glaube, jetzt macht er es auch.“ Daniel nickte und grinste dann: „Immerhin hast dich diesmal allein gewickelt, so hat er keinen Grund, eifersüchtig zu werden.“ Felix spürte, wie ihm die Röte heiß ins Gesicht stieg und beschwor ihn: „Bitte, können wir da nie wieder drüber reden? Und was meinst du mit eifersüchtig?“ „Nichts“, wehrte Daniel ab. „Aber er mag dich.“ Felix schwieg und wiederholte dann nur: „Bitte erzähl ihm nichts davon!“

„Wovon soll er mir nichts erzählen?“, ließ Lasses Stimme sie zusammenzucken. „Nichts Wichtiges“, wiegelte Daniel ab und beäugte Lasse. „Du hast es echt gemacht“ In seiner Stimme schwang eine Mischung aus Erstaunen und Anerkennung mit. „Die sind gar nicht so dick, ich hatte erst Angst, dass ich die Hose nicht mehr drüber bekomme“, stellte Lasse fest.
„Schade“, kommentierte Daniel und zog eine theatralische Schnute.
„Sorry, du bist einfach nicht mein Typ, da ist die Motivation leider nicht so hoch, mich für dich auszuziehen.“ Soviel Schlagfertigkeit ließ selbst Daniel die Kinnlade nach unten klappen, aber er fing sich relativ schnell wieder. „Du verpasst was!“
„Davon bin ich überzeugt“, grinste Lasse. „Aber erstens will ich keinen Ärger mit deiner Katharina und zweitens ist es nicht so lustig, sich in einen Hetero zu verlieben.“
„Das glaub ich dir“ Daniel wurde wieder ernst und nun mischte sich Felix ein. „Hattest du das schon mal?“ Lasse verzog das Gesicht und nickte. „Ja, in Dänemark. Der erste Junge, in den verliebt war, bevor mir so richtig klar war, dass ich schwul bin. Er ist hetero und wusste vermutlich gar nicht, was es mit mir macht, wenn er sich neben mir auszieht, mich in seinem Bett schlafen lässt und was man mit 14 und zu vielen Hormonen noch so anstellt.“ „Hast du es ihm irgendwann erzählt?“ Felix wusste nicht, warum seine Stimme immer noch so rau klang, verstand nicht ganz, was es mit ihm machte, dass Lasse so offen über seine Homosexualität sprach. Lasse schüttelte den Kopf. „Irgendwann hatte er eine Freundin, ich habe auch jemand anderen kennengelernt und das Thema hatte sich erledigt.“

„Und jetzt hast du sehr geschickt davon abgelenkt, dass wir dich nach der Windel, die du grade trägst, ausfragen.“, stellte Daniel fest und Lasse protestierte: „Ich hab abgelenkt? Du hast angefangen über meinen Hintern zu reden.“ „1:0 für dich“, musste Daniel zugeben. „Aber mal im Ernst, wie findest du es?“
„Gute Frage“ Lasse rutschte nachdenklich auf der Couch hin und her. „Es ist ungewohnt, aber nicht unangenehm. Es erinnert mich schon ein bisschen daran, wie es damals mit meiner Cousine war.“
„Dieses einmalige Erlebnis muss ja einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben“
„Ich hab nie gesagt, dass es nur einmal war“
„Was?“, kam es zweistimmig von seinen Zuhörern und er grinste verlegen. „Ich hab das öfter gemacht, wenn ihr bei ihr übernachtet hab. Manchmal frage ich mich, ob ihre Mutter sich nicht gewundert hat, dass der Windelverbrauch höher war, wenn ich zu Besuch war. Oder sie hat es gemerkt, aber nichts dazu gesagt, weil sie froh war, dass es Liv hilft.“

Daniels POV
Daniel konnte sich ein verblüfftes Grinsen nicht verkneifen. So war das also. „Wenn ich das gewusst hätte…“
„Dann was?“
„Dann hätte ich dir schon früher von meinem Bettnässerproblem und den Windeln erzählt. Und ich hätte nicht so eine Panik geschoben vor deiner Reaktion.“ Er warf einen Blick zu Felix. „Wenn wir gewusst hätten, wie Recht du hattest.“
„Womit hattest du Recht?“, wollte Lasse verwirrt von Felix wissen. „Habt ihr über mich geredet?“
Felix erklärte nun seine Theorie vom „Probebeichten“ und endete mit: „Und ich hatte dann vorgeschlagen, dass er es dir erzählen soll, wenn Andy so eine Tratschtante ist.“
„Ah“ Nun verstand Lasse und nach einem Moment des Nachdenkens fasste er die Situation zusammen. „Und so kommt es, dass wir jetzt hier rum sitzen, fast erwachsen und alle drei eine Windel anhaben, ohne dass es irgendeinen vernünftigen Grund gibt.“

Das klang schon echt sehr verrückt… War es ja eigentlich auch… Aber gleichzeitig fühlte es sich so gut an, es war viel mehr als nur die pure Erleichterung, sein Geheimnis mit Freunden zu teilen. Vor ein paar Wochen hätte er sich das im Traum nicht vorstellen können. Da hatte er sich niemals vorstellen können, jemandem davon zu erzählen, hatte versucht, Katharina nicht an sich heran zu lassen, hatte seine besten Freunde angelogen und jeden Abend voll Scham und Wut seine Windel angezogen. Dann war der folgenschwere Unfall geschehen, Felix zu ihm ins Krankenzimmer gelegt worden, mit genau dieser Krankheit, die es kurzfristig notwendig gemacht hatte, dass er auch Windeln tragen musste. Jetzt hatte er eine Freundin, die vielleicht tatsächlich damit würde umgehen können. Und er teilte sein bis dahin so gut gehütetes Geheimnis mit gleich zwei Freunden und es war nicht nur ein verbales Teilen im Sinne von darüber reden, sondern ein echtes, ein gemeinsam tun. Ob es so etwas wie Schicksal gab? Eigentlich war er kein abergläubischer Mensch, aber anders als mit Schicksal oder einer anderen höheren Macht konnte er sich das nicht erklären.

Er bemerkte, dass er wohl eine ganze Weile in Gedanken versunken vor sich hingestarrt haben musste, denn Lasse stupste ihn an. „Ist was los?“ Daniel musste schmunzeln, außer am Akzent merkte man Lasse normalerweise nicht an, dass Deutsch nicht seine Muttersprache war. Aber manchmal rutschte ihm die ein oder andere schräge Formulierung heraus. So konnte er sich einfach nicht merken, dass man entweder „Was ist los?“ fragte oder nur „Ist was?“ fragte. Lasse erkundigte sich immer, ob was los sei. Als dessen Gesichtsausdruck noch verwirrter wurde, begriff Daniel, dass er ihm noch eine Antwort schuldete. „Nein, alles gut“, lächelte er und die sonst oft so lapidar dahin gesagten Worte hatten sich selten so wahr angefühlt.

Felix hatte inzwischen die Fernbedienung ergriffen und von der albernen Spielshow weiter gezappt, bis er bei einer Doku über die ungewöhnlichsten Häuser der Welt gelandet war. Sie kommentierten die Bauwerke, diskutierten über Größe, Material und Gestaltung und überlegten, wo sie gerne wohnen würden. Dass sie dabei eine Windel trugen, war für den Moment einfach kein Thema und auch das hatte sich selten so richtig angefühlt.

„Uh, das wäre nichts für mich“ Daniel mit seiner Höhenangst erschauderte beim Anblick der Aussicht aus dem gerade gezeigten Haus. „Aber Felix müsste das taugen, du meintest doch mal, dass du gern in den Bergen leben würdest.“ Der Angesprochene antwortete nicht und Daniel warf einen fragenden Blick zur Seite. „So langweilig fand ich die Sendung gar nicht“, grinste Lasse beim Anblick des schlafenden Jungen in ihrer Mitte. Felix‘ Kopf war zur Seite gerutscht und nur Zentimeter vor Lasses Schulter auf der Lehne der Couch zum Liegen gekommen. „Sollen wir ihn wecken? Oder uns rüber aufs Bett setzen und von dort weiter schauen?“ Daniel hatte schon das Gefühl, eine eher rhetorische Frage gestellt zu haben und tatsächlich schüttelte Lasse prompt den Kopf. Daniel wand den Blick in Richtung Fernseher zurück, schielte aber weiter aus den Augenwinkeln zu seinen beiden Freunden. Lasse schien kurz mit sich zu kämpfen, holte dann hörbar Luft und legte seinen Arm um Felix‘ Schultern. Als dieser friedlich weiterschlief, lächelte Lasse, richtete seine Augen ebenfalls wieder auf die Doku und strich nebenbei behutsam über Felix‘ Nacken.

Felix‘ POV
Gähnend kämpfte Felix darum, die Augen aufzubekommen. So hatte sich wohl die fast schlaflose Nacht gerächt, die er mit Herumwälzen und über das bevorstehende Wiedersehen mit Lasse Grübeln verbracht hatte. Er war offensichtlich vor dem Fernseher eingeschlafen, so was passierte doch nur alten Leuten. Und was hatte ihn geweckt? Immer noch nicht ganz fest stellte er fest, dass er pullern musste. Na immerhin wurde er davon wach, konnte also das Malheur nach der Halloweenparty auf den Alkohol schieben. Einen Moment hatte er schon befürchtet, Daniels Bettnässen wäre ansteckend oder es läge an dessen Zimmer. „Was für ein Unsinn“, schalt er sich selbst in Gedanken und hob seinen Kopf von Lasses Schulter. Moment – von Lasses Schulter. Der zog seinen Arm so schnell zurück als hätte er in Brenneseln gefasst und murmelte hastig: „Sorry, ich wollte nicht, ich dachte nur, also das sah unbequem aus und ich wollte nicht, dass dir nachher der Nacken weh tut.“ „Schon gut“, murmelte Felix, wäre eigentlich gerne so sitzen geblieben, zwang sich aber, sich aufzurichten. „Wir können ja allmählich schlafen gehen“, schlug Lasse vor und irgendwie klang seine Stimme auch unsicherer als sonst. Oder bildete er sich das nur ein? „Gute Idee“, gähnte Daniel. „Ich geh eben Zähne putzen.“

Felix tat das als Nächster, überlegte kurz, ob er seine Windel dafür benutzen sollte, wofür sie gedacht war, entschied sich aber dagegen. Stattdessen zog er sie unten ein Stück zur Seite, sodass er die Toilette benutzen konnte, ohne die Windel ausziehen zu müssen. Dann ging er zurück ins Zimmer, wo Daniel und Lasse inzwischen ihre Schlafsachen angezogen hatten. Unter Lasses Flanellschlafanzughose war die Windel deutlicher zu erkennen als unter der Jeans und er fragte: „Lässt du die an zum Schlafen?“ Verlegenes Schulterzucken, dann grinste Lasse: „Na ja, wir wollen doch solidarisch mit Daniel sein.“ „Stimmt natürlich“ Felix nickte zustimmend und Daniel, der in seinem Kleiderschrank herumgewühlt hatte, drehte sich um. „Das ist ja wahnsinnig lieb von euch.“
„Da siehst du mal, welch tolle Freunde du hast“
„Ich bin gerührt. Allerdings haben wir ein Problem.“
„Welches Problem?“, fragte Lasse argwöhnisch und Daniel erklärte: „Ich hab keine Ahnung, wo meine Luftmatratze ist. Ich dachte, die wäre hier im Schrank, aber wahrscheinlich hat meine Schwester Mona sie zu ihrer Übernachtungsparty mitgenommen. Ich befürchte, dazu hab ich morgens im verpennten Zustand sogar Ja gesagt.“
„Und jetzt?“ Felix schaute ratlos von der ausgeklappten Couch zu Daniels Bett und der zuckte mit den Achseln. „Die Couch ist breiter, also entweder ihr schlaft da zu zweit drauf oder einer pennt bei mir im Bett.“
„Die Couch ist ja wirklich breit genug…“ Felix bemühte sich, seine Stimme beiläufig klingen zu lassen, schaffte es aber nicht, Lasse ins Gesicht zu sehen. „Genau“, bestätigte der ebenso gelassen und Daniel reichte ihnen die dritte Decke. Als sie nebeneinander auf der Couch lagen und sich eine gute Nacht gewünscht hatten, fragte Felix sich, wie er so sollte einschlafen können, mit Lasse neben sich und dem Wissen, dass sie alle drei eine Windel anhatten, obwohl zumindest er und Lasse diese definitiv nicht brauchten…

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2 Kommentare zu „Unfall mit Folgen Teil 6 Übernachtung mit Folgen

  1. Sehr schön geschrieben die 6 Folgen Unfall mit folgen ich hoffe dass es weiter geht.
    Auch deine Kurzgeschichten sind schön.
    Würde mich freuen wenn die ein oder andere Geschichte weiter gehen würde.
    Viele grüße
    Mikey

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    1. Danke für das Feedback! Was meinst du mit „weitergehen“ bei den Kurzgeschichten? Die leben davon, dass sie eben in sich abgeschlossen sind. Aber es wird sicher mal wieder ein Wiedersehen mit einzelnen Protagonisten geben 😉

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