Unfall mit Folgen Teil 7 Geständnisse

„Sehen wir uns nachher?“, fragte Katharina am Ende des Schultags und Daniel nickte. Sie hatten sich für den Nachmittag bei ihm zu Hause verabredet und er wusste, dass er diese Gelegenheit nutzen und mit ihr reden musste. Schon jetzt wurde ihm ganz schlecht vor Aufregung, aber noch länger vor sich herschieben konnte er das Gespräch auch nicht. Er gab ihr einen Abschiedskuss und machte sich dann mit Andy, der den selben Weg hatte, auf.

Zwei Stunden später tigerte er nervös in der Küche auf und ab. Er hatte sein Zimmer aufgeräumt, das Bett ordentlich gemacht und sogar mit dem Staubsauger jedem Winkel und jeder Ecke einen Besuch abgestattet. Es gab einfach nichts mehr zu tun, außer zu warten, und genau darin war er gar nicht gut.
„Was ist mit dir los, bist du krank?“ Erstaunt drehte er sich zu seiner Zwillingsschwester Mona um und diese grinste. „Erst hast du ewig den Staubsauger in Betrieb und dann räumst du freiwillig die Spülmaschine aus. Da stimmt doch was nicht.“
„Als ob ich sonst im Dreck versinken würde! Ich hab grade Langeweile, ich warte auf jemanden.“
Mona legte den Kopf schief, plötzlich schien sie zu verstehen. „Du hast ein Date!“ Als Daniel nicht widersprach, rief sie triumphierend: „Ach, tatsächlich! Das muss ja was Ernstes sein, du hast noch nie ein Mädchen mit nach Hause gebracht.“
„Ich bin auch ganz froh, dass Mama und Papa grade nicht da sind.“
„Ja, da sagst du was…“

Ehe Daniel nachfragen konnte, wie sie das gemeint hatte, klingelte es an der Tür und er sprang, auf als ob er sich in eine Feuerqualle gesetzt hatte. „Ich geh schon“
Zu seiner Verblüffung stand Katharina nicht allein vor der Wohnungstür, sondern in Begleitung eines großen schwarz gekleideten Jungen mit halblangen schwarzen Locken und einem Motorradhelm in der Hand. „Hi“, meinte er mit tiefer Stimme und bevor Daniel sich von seiner Verblüffung erholt hatte, tauchte Mona hinter ihm auf. „Kommt rein“, meinte sie hastig und dann an Daniel gewandt: „Mama und Papa wissen nicht, dass Jonas Motorrad fährt, und vor allem nicht, dass er mich manchmal mitnimmt. Es wäre cool, wenn das so bleibt. Und hi Katharina“ „Hey“, grinste diese und einen Moment später waren Mona und der Typ in Schwarz verschwunden. „Mach den Mund wieder zu“, riet Katharina. „Deine Schwester sieht gut aus, wusstest du nicht, dass nahezu alle Jungs aus der Oberstufe hinter ihr her sind?“ Daniel schüttelte den Kopf. „Ich bin auch nicht sicher, ob ich Details wissen will.“ Katharina lächelte und schlang die Arme um ihn. „Das gute Aussehen liegt jedenfalls in der Familie.“

Wenige Minuten später lagen sie aneinander gekuschelt auf seinem Bett, er spielte mit einer Strähne ihres Haares und begann leise: „Du, ich muss dir was sagen…“
Sie richtete sich auf, rückte ein Stück zur Seite und schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, holte Luft und versuchte sich an die genaue Formulierung zu erinnern, da murmelte sie: „Du willst aber nicht Schluss machen? Mir sagen, dass es doch nichts Ernstes ist oder dass du eine andere hast?“

Was? Nein, niemals“ Er drehte sich zu ihr um und nahm sie fest in die Arme. „Nein, im Gegenteil! Ich will dir erzählen, warum ich mich so lange schwer getan hab damit, dass es was Ernstes wird. Ich hab Angst, dass du dann Schluss machen willst, es hat gar nichts mit einer anderen zu tun.“ Katharinas Blick wirkte argwöhnisch, Daniel hatte sich inzwischen erinnert, wie er es gegenüber Lasse ausgedrückt hatte, und schaute an ihr vorbei auf die Fransen des Teppichs vor dem Bett. Dann setzte er an und es sprudelte ohne nochmal Pause zu machen aus ihm heraus: „Ich hatte Angst, dass du nichts mehr von mir wissen willst, wenn du von einer bestimmten Sache weißt. Wenn man zusammen ist, wird eben auch mal einer beim anderen übernachten und das ist bei mir nicht so einfach. Es ist nämlich so, dass ich manchmal ein Problem mit Bettnässen hab.“ Erst als die letzten Worte heraus fand, schaffte er es wieder, Luft zu holen, aber nicht, Katharina anzuschauen. Die schwieg einen Moment und Daniel befürchtete schon das Schlimmste, dass sie angewidert aufspringen, sich anziehen und verschwinden wurde. Aber nichts dergleichen, ihre Stimme klang ruhig und fast erstaunt. „Das ist alles?“
„Alles?“, krächzte Daniel. „Du hast leicht reden und kannst dir wohl auch nicht vorstellen, wie schlimm das ist, wie sehr man sich schämt und wie viel Angst man hat, dass andere das schlimm finden, rum erzählen, einen auslachen,…“

„Stimmt, tut mir Leid. Das war unglücklich formuliert. Ich finde es nicht schlimm, echt nicht. Ich mag dich sehr gerne und irgendein doofes Problem ändert da nichts dran. Ich will deine Freundin sein, ganz einfach.“ Daniel hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, so erleichtert war er und spürte Katharinas warme sanfte Hände über seinen Rücken streichen. „Hey, du zitterst ja“, meinte sie. „Hattest du solche Angst, mir davon zu erzählen?“ Er nickte nur, traute sich nicht, zu antworten und ihr schien etwas zu dämmern. „Diese Angst, du hast schon schlechte Erfahrungen damit gemacht, oder? Bist du deshalb letztes Jahr zu uns an die Schule gekommen? Du hast nie erzählt, warum du gewechselt hast.“ Wieder nickte Daniel. „Ja, weil es an der alten Schule echt nicht mehr ging, nachdem alle davon wussten. Ich will da aber auch grade nicht mehr darüber reden, verstehst du das?“
„Natürlich“ Katharina kuschelte sich wieder an ihn, er spürte ihre Wärme und ihren Herzschlag durch ihre Bluse. Ganz fest drückte er sie an sich. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin.“

Nach kurzem Schweigen entschied er sich, endgültig ehrlich zu sein, die Details wären so oder so bei der ersten gemeinsamen Nacht noch ein Thema. „Du musst übrigens keine Angst haben, dass du in einem nassen Bett aufwachst, wenn ich bei dir übernachte. Ich hab entsprechende Schutzunterwäsche, also so was wie Pull-Ups für Kinder, die grade lernen, auf Toilette zu gehen, aber natürlich in meiner Größe. Aber trotzdem musst du dann damit leben, dass dein fast erwachsener Freund nachts Windeln tragen muss.“ „Ich glaube, damit kann ich gut leben, solange mein Freund nachts auch andere, ziemlich erwachsene Dinge tun kann…“ Mit einem langen Kuss machte Katharina endgültig klar, dass das Thema für sie damit abgehakt war.

Also kommt ihr jetzt mit?“ Fragend schaute Daniel seine beiden besten Kumpels an. Er und Katharina hatten sich ein paar Tage nach dem so gefürchteten und so einfach verlaufenem Gespräch einen Besuch des Herbstvolksfestes vorgenommen. „Ich kann nicht“, erklärte Andy. „Ich hab ein Date“ Lasse und Daniel grinsten, sie wussten, wie ein „Date“ bei Andy aussah bzw. worauf das meistens hinauslief. „Kennen wir sie?“, wollte Daniel wissen und Andy schüttelte den Kopf. „Ne, sie ist auf einer anderen Schule, wir haben zufällig in der Bahn kennen gelernt.“
„Na dann viel Spaß. Was ist mit dir?“
„Ja, grundsätzlich würde ich gerne mitkommen“
„Das klingt nach einem „aber“?“
„Aber kann Felix mitkommen?“

„Felix?“ Auf die erstaunten Blicke von Daniel und Andy hin erklärte er: „Ja, wir wollten heute Nachmittag was unternehmen, es geht nur heute, er hat morgen Handball und ich muss übermorgen auf meinen kleinen Bruder aufpassen. Aber wir wussten eh noch nicht, was wir machen wollen. Deswegen können wir ihn ja fragen, ob er mitkommen will.“ Daniel nickte, dachte mit einem Anflug von Scham an das vergangene Wochenende zurück, daran, gemeinsam mit Lasse und Felix Windeln getragen zu haben. Aber er dachte auch daran, wie Felix mit dem Kopf auf Lasses Schulter eingeschlafen war und wie schnell beide einverstanden gewesen waren, gemeinsam auf der Couch zu schlafen. Ob da wirklich nicht mehr war? Andy war wie üblich weniger diplomatisch und fragte gerade heraus: „Ist das ein Date?“
„Oh Gott nein“, behauptete Lasse entrüstet. „Ich bin nicht wie du, ich kann mich auch mit Leuten verabreden ohne mit ihnen im Bett landen zu wollen.“
„Wo er Recht hat“, grinste Daniel, Andy schwieg gespielt schmollend, aber Daniel wurde den Verdacht nicht los, dass Andy mit seiner Vermutung vielleicht gar nicht so weit daneben lag.

Felix‘ POV

Sie verbrachten einen lustigen Nachmittag auf dem Volksfest, wagten sich trotz herbstlicher Temperaturen eine Runde auf die Wilde Maus und Daniel und Katharina kauften sich eine Portion Zuckerwatte. Lasse testete am selben Stand das Lakritz und war hörbar enttäuscht. „Mein Vater muss den Stand unbedingt beliefern!“, beschloss er. „Das, was die hier als Lakritz bezeichnen, kann doch niemand essen.“ „Lakritz kann grundsätzlich niemand essen“, behauptete Felix und Katharina rief gespielt entsetzt: „Oh nein, fang niemals eine Diskussion über Lakritz mit Lasse an! Das ist quasi ein Glaubenskrieg.“ „Ich weiß, wir hatten das Thema schon“, lachte Felix. „Mehrmals“ „Und er spricht trotz dieser Aussage noch mit dir?“, wunderte sich Katharina. „Du musst ihn echt beeindruckt haben.“ Felix schwieg, wusste nicht, wohin er schauen sollte, nur nicht in Lasses Gesicht. Dem schien ebenfalls keine Antwort einzufallen und Katharina dämmerte vermutlich, dass sie in ein Fettnäpfchen getreten war. „Ähm ja, wollen wir noch Riesenrad fahren? Ich finde, der Blick von oben ist ziemlich beeindruckend.“ Die anderen nickten zustimmend und eine halbe Stunde später verabschiedeten sich Daniel und Katharina an der Straßenbahnhaltestelle. „Macht’s gut, bis morgen bzw. wir schreiben uns“, erklärte Daniel irgendwie verlegen. „Ich weiß nicht, ob ihr auch nach Hause wollt, aber wir müssen ja eh in die andere Richtung und na ja…“
„Wir haben schon verstanden, dass ihr allein sein wollt“, lachte Felix. „Das ist okay, viel Spaß“

Dann standen sie sich unsicher gegenüber und Felix fragte: „Willst du nach Hause?“ „Nicht unbedingt“, antwortete Lasse und rieb sich die Hände. „Aber ich finde es echt ziemlich kalt, ich würde gerne irgendwas drinnen machen. Allerdings bin ich auch grade zu pleite um mich in ein Café zu setzen.“
„Ich auch“, grinste Felix und sie schwiegen einen Moment. Dann meinte Lasse zögernd: „Ich würde ja vorschlagen, dass wir zu mir nach Hause gehen und ich uns heiße Schokolade machen, aber ich teile mir ein Zimmer mit meinem kleinen Bruder. Der ist zwar okay, aber ungestört unterhalten ist da eher schwierig.“ „Wollen wir zu mir?“, schlug Felix vor ohne groß nachzudenken. Als ihm dämmerte, wie das klingen könnte, ergänzte er hastig: „Ich kann auch Kakao machen und ich hab keine Geschwister.“
„Einverstanden“

Und so saßen sie kurze Zeit später nebeneinander auf Felix‘ Tagesbett, jeder eine Tasse Kakao in der Hand und Lasse grinste: „Irgendwann musst du mal zu mir kommen und ich mache meine, nach dem Geheimrezept meiner Mutter.“
„Solange da kein Lakritz reinkommt“
„Versprochen, auch wenn du gar nicht weißt, was du verpasst!“
„Mit Sicherheit“
Felix stellte seinen Becher ab, durchforstete sein Hirn nach einer guten Überleitung und fand keine. Also der direkte Weg. „Du, kann ich dich mal was fragen?“
„Klar“ Lasse stellte seine Tasse ebenfalls ab und schaute ihn aus aufmerksamen braunen Augen an. „Na ja“, begann Felix. „Du gehst so offen damit um, dass du schwul bist, das wirkt so einfach bei dir. Hast du damit noch gar keine schlechten Erfahrungen gemacht?“
„Tatsächlich nicht viele“, erzählte Lasse. „Ein paar Idioten gibt es immer, in Dänemark hatte ich einen davon in meiner Klasse. Hier ist einer aus der Parallelklasse, der gerne mal einen Spruch bringt von wegen, er will sich vorm Sportunterricht nicht mit mir im gleichen Raum umziehen, weil er Angst hat, ich würde über ihn herfallen. Dabei wäre er auch nicht mein Typ, wenn er nicht so ein Idiot wäre. Aber diese Trottel sind die Ausnahme, die meisten sind wirklich entspannt, hier genauso wie in Dänemark.“
„Und deine Familie?“
„Die auch, da hätte ich echt keine bessere Reaktion erwarten können. Also ja, meine Oma hat noch nicht verkraftet, dass sie von mir keine Urenkel bekommen wird, sie fragt sicherheitshalber mal bei jedem Besuch nach, ob ich denn jetzt nicht endlich das richtige Mädchen kennengelernt habe. Aber meine Eltern gehen so locker damit um, das ist toll, und keine Selbstverständlichkeit, das weiß ich sehr gut. Und für meinen kleinen Bruder ist es so normal, dass ich mir manchmal Sorgen mache, ob er mal dumme Sprüche oder Schlimmeres abkriegt, weil er der Bruder von der Schwuchtel ist.“
Felix nickte nachdenklich und grübelte, wie er die nächste Frage formulieren sollte. „Raus mit der Sprache“, forderte Lasse ihn auf, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Ich will dich nicht ausfragen“, wand Felix verlegen ein, aber Lasse entgegnete: „Kannst du ruhig, ich hab kein Problem damit, über das Thema zu reden.“
„Wusstest du schon früh, dass du schwul bist? Oder wann und wie ist dir das klar geworden? So, wie du darüber sprichst, hat man das Gefühl, dass es ganz einfach war, dass du das einfach so gemerkt und akzeptiert hast.“
„Das war absolut nicht so“ Lasse lachte, aber Felix hatte den Eindruck dass er damit andere Gefühle zu überspielen versuchte. „Ich hab euch ja erzählt, dass ich in meinen Kumpel verliebt war. Das war nicht einfach und so locker akzeptieren konnte ich das auch nicht.“ Er strich sich durch die Haare und griff nach seiner Kakaotasse. „Du musst nicht weitererzählen, wenn du nicht willst“, versicherte Felix hastig, aber Lasse schüttelte den Kopf. „Doch, ich will. Da war ich 13, also das Alter, in dem die meisten sich zum ersten Mal verlieben. Bis dahin wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass ich irgendwie anders bin. Aber dann wurden Mädchen ein immer wichtigeres Thema, wer hat wie viele geküsst, wer hat welchen Busen gesehen oder sogar angefasst, welches Mädchen sieht in welchem Rock am besten aus,… Das Übliche eben“
„Und das hat dich nicht interessiert?“
„Gar nicht“, bestätigte Lasse. „Anfangs ist mir das auch gar nicht so aufgefallen, also dass ich nicht mitreden wollte. Gekonnt hätte ich es, ich war bei den Mädchen ziemlich beliebt, wahrscheinlich genau deshalb, also weil ich nicht so abgedreht bin und sie nicht plötzlich auf Beine und Brüste reduziert habe. Ich hab auch ein paar Mal mit einem Mädchen geknutscht, das war auch nicht unangenehm, es war einfach nichts, also mir irgendwie egal. Ich fand das schon komisch, habe mir schon gedacht, dass das nicht so sein soll. Aber dass wirklich was anders ist, wurde mir erst klar, als ich statt an Mädchen an meinen Kumpel gedacht hab, an ihn und an seinen nackten Körper, als ich schlaflose Nächte und feuchte Träume von ihm hatte.“
Felix merkte gar nicht, dass er den Atem angehalten hatte, und stieß ihn jetzt hastig aus. „Und dann?“, fragte er und Lasse erzählte weiter: „Dann hatte ich tatsächlich auch die Phase, auf die du hinauswolltest. Ich war verwirrt, wusste nicht, was mit mir los ist, konnte mit niemandem darüber reden, war auch verzweifelt. Ich habe mich gefragt, was mit mir nicht stimmt, und wollte, dass das aufhört und ich normal werde, so wie alle anderen auch. Zu meinem Glück gab es das Internet, ich habe viel gelesen und gechattet und wusste so zumindest, dass ich nicht allein bin. Ich habe mich dann meinem besten Freund gegenüber geoutet und dass das so gut ging, hat es leichter gemacht. Also zusammengefasst, ja, ich hatte es auch, dass ich verwirrt und überfordert war mit meinen eigenen Gefühlen, aber insgesamt hatte ich großes Glück und ein ziemlich leichtes Coming-Out.“
„Und hast du einen Freund? Oder hattest schon mal einen?“
„Ich hatte“ Nun legte sich ein nicht zu übersehender Schatten über Lasses Gesicht. „Jari und ich sind Fans des selben Fußballvereins und haben uns im Stadion kennengelernt. Es war ziemlich schnell klar, dass wir uns mehr als freundschaftlich gut verstehen.“

„Bist du noch mit ihm zusammen?“ Felix verstand selbst nicht, warum diese Frage seinen Herzschlag so beschleunigte, dazu führte, dass er das Blut in seinen Ohren rauschen hörte – und warum Lasses Kopfschütteln ihn so erleichterte.
„Jári hat Schluss gemacht, als klar war, dass ich nach Deutschland muss“, schilderte er. „Ich hätte es versucht, sicher wäre es schwer geworden und scheiße, aber man kann sich ja besuchen und so.“
„Wolltest du deswegen nicht nach Deutschland?“
„Auch, das war natürlich ein großer Grund. Aber wir wollten alle nicht, wir konnten zwar die Sprache, aber außer mal ein Wochenende in Hamburg war ich vorher noch nie in Deutschland. Ich hatte Jári, mein kleiner Bruder war grade in die Schule gekommen und wir hatten unsere ganzen Freunde in Dänemark. Aber für meine Eltern war eine Fernbeziehung keine Option, also sie hatten kurz darüber nachgedacht, ob mein Vater sich hier eine kleine Wohnung nimmt, die Lakritzmanufaktur aufbaut, aber wir in Dänemark bleiben und er am Wochenenden nach Hause kommt. Aber sie haben sich dagegen entschieden. Meine Mutter ist Kinderkrankenschwester und sprach schon vor dem Umzug fließend Deutsch, für sie war klar, dass sie überall einen Job findet. Also haben sie uns was von einer neuen Chance erzählt und uns mitgeschleppt.“
„Bist du ihnen böse deswegen?“ Felix spürte den Frust, den Lasse über diese Entscheidung empfinden musste, und dieser nickte.
„Manchmal, jedenfalls war ich es. Inzwischen ist es okay, Daniel und Andy haben mir echt beim Einleben geholfen, genauso wie die Mädchen und insgesamt die meisten aus der Klasse. Und meiner kleiner Bruder kommt hier auch super klar, das ist gut. Deutschland ist nicht so schlecht, auch wenn man bisher kein ordentliches Lakritz kriegt – was aber auch den Job meines Vaters garantiert.“
„Aber du vermisst deinen Exfreund?“ Vorsichtige Vermutung, Lasse schien erst nicht zu wissen, was er antworten sollte. Er zuckte die Schultern, der Versuch, gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu schütteln, endete in einem merkwürdigen Zucken. „Ich glaube, ich vermisse gar nicht so sehr Jári direkt“, versuchte er zu erklären. „Sondern das, was wir hatten, die Beziehung, das Gefühl, so richtig verliebt zu sein. Und ich vermisse Dänemark, die Natur, die Sprache, die Freunde, die ich dort hatte.“ Seine Stimme war leiser geworden und ein bisschen unsicher. Felix folgte einer spontanen Eingebung, rückte ein Stückchen zu ihm herüber und legte ihm den Arm um die Schultern. Im ersten Moment zuckte Lasse zusammen und versteifte sich, dann ließ er die Berührung zu, seufzte ganz leicht und lehnte sich an Felix. Der drückte ihn an sich, strich ihm vorsichtig mit der Hand über die Schulter und Lasse schniefte.

Plötzlich wurde Felix klar, wie das wirken konnte und er erschrak. Nicht, dass Lasse noch auf bestimmte Gedanken kam. Wenn Andy doch Recht hatte, würde er sich vielleicht Hoffnungen machen. Dabei hatte er ihn ja nur trösten wollen, er war schließlich nicht schwul!
Entsprechend hastig sprang er auf und stürzte auf seinen Schrank zu. „Ich müsste das Buch noch hier haben, über das wir vorhin gesprochen haben und das ich dir ausleihen wollte“, rief er und wenn Lasse irritiert war, ließ er es sich nicht anmerken. „Ja, das wäre cool“, meinte er nur und Felix wühlte ziemlich planlos in seinem unordentlichen Schrank zwischen Sommerkleidung, Sportsachen und alten Schulbüchern herum. Er hatte keine Ahnung, ob das Buch überhaupt hier war, aber ihm war auf die Schnelle kein besserer Grund eingefallen, körperlichen Abstand herzustellen. „Verdammt“, fluchte er, als ein wackliger Stapel T-Shirts ins Rutschen kam und ihm dann komplett entgegen fiel, gefolgt von der Reisetasche, die er dahinter gestopft hatte. Und genau diese war offen und enthielt nicht nur den uralten Schlafanzug, den seine Mutter ihm damals mit ins Krankenhaus gebracht hatte, und den er schon seit fünf Jahren nicht mehr getragen hatte. Er hatte vollkommen vergessen, dass er in einem Anfall von Scham und Ratlosigkeit auch die beiden Krankenhauswindeln dort hineingestopft hatte. Und genau diese, der kaputte Reißverschluss der Tasche und die Unordnung wurden ihm jetzt zum Verhängnis. Unter einem erneuten, deutlich lauteren „Verdammt!“ stand er nun vor seinem Schrank, eine der Windeln in der Hand, die andere auf einem Haufen Shirts vor seinen Füßen. „Was ist das denn?“, fragte Lasse erstaunt, es schien ihm im selben Moment aber selbst klar zu werden und er fragte sichtlich verwirrt und neugierig zugleich: „Warum hast du Windeln in deinem Schrank?“


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