Unfall mit Folgen Teil 9: Allgemeine Verwirrung

Stöhnend angelte Daniel sein Handy vom Nachtisch und stellte den nervtötenden piependen Alarm ab. Aber zumindest war er jetzt wach. Die angenehmer klingende Musik, die ihn als erstes wecken sollte, hatte er wohl entweder verpennt oder ausgestellt und danach weitergeschlafen. Es hatte also einen guten Grund, eine Viertelstunde später einen zweiten, hartnäckigen Alarm einzustellen. „Früh aufstehen müssen sollte verboten werden“, dachte er sich und rollte sich noch ein letztes Mal unter seiner Decke zusammen. Aber immerhin war heute Freitag und die letzte Unterrichtsstunde schon als Ausfall angekündigt. Abends war er mit Felix fürs Kino verabredet, ein Mysteriethriller, für den sonst niemand zu begeistern war. Und am Samstag würde er etwas mit Katharina unternehmen, sie wollten gemeinsam in die Stadt. Eine knappe Woche war es inzwischen her, dass sie zum ersten Mal gemeinsam in seinem Bett geschlafen hatten, er mit seiner Freundin kuschelnd eingeschlafen und neben ihr aufgewacht war. Fünf Tage war es her, dass seine Freundin ihn in Windeln gesehen und nicht ausgelacht, sondern ihn genauso verliebt gekuschelt hatte wie ohne diese spezielle Art der Unterwäsche. Sie hatte ihm mit ihrer entspannten Art jede Angst und auch nahezu jedes Schamgefühl bezüglich seines Problems genommen und entgegen seiner Befürchtung war er trocken aufgewacht. Das hatte ihm im Nachhinein noch mehr verblüfft als am Sonntagmorgen selbst, normalerweise konnte er sich in neuen Situationen, solchen, die ihm unbewusst Sorgen bereiteten oder unter Druck setzten, darauf verlassen, dass sie zu einer nassen Nacht führten. Fremde Betten, eine anstehende Lateinarbeit, Ärger mit seinen Eltern, der letzte Streit mit Andy,… er hätte noch unzählige solcher Kleinigkeiten aufzählen können und die erste Nacht, die seine Freundin bei ihm übernachtete, war da echt nochmal eine andere Nummer. Und trotzdem war er am Morgen trocken aufgewacht. Katharina hatte auch diesbezüglich scheinbar guten Einfluss auf ihn. Als ob das anhalten würde, war er seitdem jeden Morgen mit einer trockenen Windel aufgewacht. Während er so darüber nachdachte, griff er einer Art Reflex folgend in seine Schlafanzughose und riss erstaunt die Augen auf. Schon wieder trocken! Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt fünf trockene Nächte am Stück gehabt hatte. In den Ferien, wenn der potentielle Stressfaktor Schule wegfiel und auch sonst gerade alles gut war, waren es mal drei, ganz selten vielleicht vier. Aber spätestens dann kam Cola vor dem Schlafengehen, ein schlechter Traum oder irgendetwas anderes, das er nicht kannte, dazwischen. Auf eine kurze Serie folgte immer dann eine nasse Nacht, wenn er sonst vielleicht angefangen hätte zu hoffen. Stets wurde das zögernd keimende Pflänzchen namens Hoffnung zunichte gemacht, verschwand mit der nassen Windel in den Tiefen der Mülltonne.

Fünf Nächte waren also definitiv ein neuer Rekord! Verdammt, und warum freute er sich dann nicht darüber? Warum war er nicht erleichtert, zufrieden, sogar glücklich? Wo blieb die sonst aufkommende Hoffnung? Der Gedanke an Besserung, die Hoffnung, es könnte sogar ganz vorbeigehen? Die Hoffnung, aus Bettnässen mit einzelnen trockenen Nächten könnte trocken mit einzelnen Unfällen werden? Er hatte mit der Pubertät, als es entgegen der Prophezeiung der Ärzte eben nicht besser, sondern eher schlimmer geworden war, viel zu dem Thema recherchiert, war sogar in einem Forum für Menschen mit Inkontinenz angemeldet. Von dort wusste er, dass er mit seinem ausschließlich nächtlich auftretenden Problem noch „gut“ dran war, es jedenfalls noch viel schlimmer hätte sein können. Aber er hatte dort auch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gelesen, bei denen es mit der Pubertät durch die Hormonumstellung deutlich besser geworden war und die inzwischen potentielle Gefahren gut einschätzen und zum Beispiel nur in einem fremden Bett oder nach Alkohol eine Windel trugen. Daniel hatte sich so sehnlich gewünscht, dass es bei ihm auch mal so werden würde. Und jetzt? Jetzt hatte er die fünfte trockene Nacht in Folge und das Hochgefühl blieb aus. Stattdessen fühlte er sich seltsam leer, konnte sich eben nicht freuen, sondern hatte im Gegenteil das schale Gefühl als würde etwas fehlen. „So ein Unsinn!“, schalt er sich selbst in Gedanken, biss sich auf den Unterlippe und sprang dann sehr entschlossen aus dem Bett. Die Pull-Up-Windel musste er trotzdem wegwerfen, nach der dritten Nacht war sie vom Schlafen zerknautscht, dazu kam der hygienische Aspekt. Er schlüpfte aus seiner Jogginghose, strich gedankenverloren mit den Fingern über die stoffähnliche Oberfläche der Windel und spürte, dass er inzwischen ziemlich dringend auf die Toilette musste. Ohne groß darüber nachzudenken, tat er genau das nicht. Stattdessen stand er am Fenster, spielte mit der Schnur des noch heruntergelassenen Rollos herum und benutzte seine Windel – wach und mit voller Absicht machte er sich in die Windel anstatt sich über deren trockenen Zustand zu freuen und wie jeder andere normale Erwachsene die Toilette zu benutzen. Einen Moment vergaß er alles um sich herum, strich mit den Finger über die nun deutlich dicker und warm gewordene Windel, verstärkte den Druck minimal – und riss dann entsetzt die Augen auf. War er jetzt vollkommen verrückt geworden? Ganz offensichtlich. Er zerrte die nasse Windel herunter und stopfte sie einen der kleinen schwarzen Müllbeutel, die er nur für diesen Zweck in seiner Nachttischschublade liegen hatte. Dann griff er nach seinem Bademantel, stapfte ins Bad und duschte – länger und kälter als sonst.

Die ganze Aktion inklusive der runter kühlenden Dusche hatte solange gedauert, dass er tatsächlich zu spät zur Schule kam – noch etwas, das ihm nur äußerst selten passierte. Unter dem spöttischen „So, geben wir uns auch noch die Ehre?“ der Deutschlehrerin rutschte er verlegen auf seinen Platz neben Andy, erwiderte Katharinas fragenden Blick mit einem schnellen Lächeln und kramte seine Unterlagen heraus. „Was ist los?“ Andy klang verwundert. „Zu spät kommen fällt eigentlich in meinen Aufgabenbereich.“ „Verschlafen“, murmelte Daniel und Andy zog die Augenbrauen hoch. „Müsstest du dann nicht eigentlich ausgeschlafen sein? Dafür siehst du aber ziemlich beschissen aus.“
„Danke gleichfalls“ Erst nur so dahingesagt, um Andy zum Schweigen zu bringen, fiel ihm bei einem Blick auf seinen Kumpel auf, dass er gar nicht so Unrecht hatte. Andys Haare sahen aus als wäre er eben unsanft aus dem Bett gefallen, die dunklen Ringe unter seinen Augen hingegen, als wäre er gar nicht dort gewesen. „Alles okay?“, erkundigte sich Daniel leise, Andy versuchte erst zu nicken, endete dann aber in einem Schulterzucken. Daniel setzte zu einer Antwort an, wurde aber von der Stimme ihrer Lehrerin unterbrochen. „Daniel, lassen Sie uns doch alle an Ihren Gedanken zu Goethes Intentionen mit dem eben gelesenen Absatz teilhaben.“

Nach einer scheinbar endlosen Doppelstunde Gedichtanalyse läutete es endlich zur Pause. Katharina begrüßte Daniel mit einem langen Kuss und erklärte: „Ich hab dich vermisst heute Morgen.“ „Ja sorry, ich hab total verpennt“, entschuldigte sich Daniel.
„Alles in Ordnung?“ Sie schaute ihn forschend an und er nickte,
„Ja, ich bin nur ein bisschen durch den Wind, hab einen Haufen Quatsch geträumt, den Wecker überhört und musste mich dann so abhetzen.“ Er fühlte sich gar nicht wohl mit dieser Notlüge, aber was sollte er sonst tun? Seiner Freundin erzählen, dass statt sich über eine trockene Windel zu freuen, diese dann mit voller Absicht nass gemacht hatte? Super Idee… Katharina schien ihm die Begründung ohne Weiteres abzunehmen, sie schmiegte sich an ihn, er strich ihr sanft über den Rücken. Dann fiel sein Blick auf Andy, der nicht beim Rest der Clique stand, sondern etwas abseits auf der Holzumrandung der großen Eiche in der Mitte des Schulhofs saß. Er wirkten ziemlich trübselig und so erklärte Daniel: „Ich geh mal rüber, ich glaube, Andy ist nicht gut drauf heute, vielleicht braucht er wen zum Quatschen.“ Katharina nickte und wand sich dann an Sophie. „Ich hab die Serie jetzt doch angefangen, von der du so schwärmst.“

Daniel ging zu Andy hinüber, setzte sich neben ihn und erst mal schwiegen beide. Als Daniel überlegte, ob er nachfragen sollte, tauchte Lasse auf. Er schaute die beiden fragend an. „Störe ich?“ Andy schüttelte den Kopf, Lasse setzte sich rechts neben ihn, Daniel links. Andy kickte gedankenverloren kleine Schottersteine zur Seite und starrte vor sich, Daniel seufzte tief. „Ist was los?“, stellte Lasse seine übliche Frage und trotz seiner momentanen Stimmung musste Daniel grinsen. „Wir sind ein ganz schön lahmer Haufen heute“, stellte Andy in weiser Selbsterkenntnis fest. Daniel und Lasse konnten nicht widersprechen, denn auch der Däne sah nicht besonders fröhlich aus. „Was ist los?“, fragte Andy und die anderen beiden wechselten einen Blick. Lasse machte eine abwehrende Handbewegung und Daniel überlegte. Die volle Wahrheit konnte er ihnen nicht sagen, andererseits war es keine schlechte Gelegenheit für ein bisschen Ehrlichkeit seinem besten Freund gegenüber. Also murmelte er: „Es gibt da was, was bis vor Kurzem keiner wusste. Ich hab da nie mit jemandem drüber geredet, es erst letzte Woche Lasse und dann Katharina erzählt. Es ist mir echt peinlich und der Grund, aus dem ich mich so lange dagegen gewehrt hab, dass das mit Katharina ernst wird.“ Andy hob den Kopf und schaute ihn sichtbar neugierig an. Und anders als Lasse wartete er nicht einfach schweigend ab, bis Daniel die richtigen Worte fand. „Na los, spuck’s aus“, forderte er ihn auf, Daniel holte tief Luft und blieb dann bei der inzwischen fast schon bewährten Formulierung. „Ich hab ein Problem mit Bettnässen.“ Dann fügte er direkt den beschämenden Rest an: „Und ich trage deswegen zum Schlafen solche Bettnässerpants, die eigentlich für jüngere Kinder gedacht sind, mir aber noch passen.“ Andy schien ein ganzer Kronleuchter aufzugehen bei dieser Beichte. „Deswegen bist du immer mit irgendwelchen Ausreden abgehauen statt bei jemandem von uns zu übernachten.“ „Ich dachte, das wäre nicht so auffällig“, gab Daniel zerknirscht zu und Andy grinste: „Ich bin dein bester Freund, wir kennen uns seit dem Kindergarten. Die anderen schlucken das wahrscheinlich schon, aber ich hab es bemerkt,“ Daniel rechnete es Andy wirklich hoch, dass der seine Ausreden als solche erkannt, ihn aber nie darauf angesprochen hatte. „Aber Moment mal“ Andy zog fragend die Augenbrauen nach oben. „Warum durfte dann Felix nach Sophies Party bei dir pennen?“ Als Reaktion auf die Erwähnung des Namens oder die Frage an sich fing Lasse an zu husten, Andy klopfte ihm hilfsbereit auf den Rücken, worauf der Junge noch heftiger nach Atem rang. Daniel blieb bei der bewährten Halbwahrheit. „Weil Felix es schon wusste. Wir lagen ja im Krankenhaus in einem Zimmer, da ist genau das passiert, wovor ich Angst hatte und weswegen ich eben nie mit jemand anderem im gleichen Raum schlafen wollte. Er hat es mitbekommen und dann hab ich ihm alles erzählt. Also dass ich das Problem schon immer habe und deswegen diese Pants trage.“
„Verstehe“ Andy nickte. „Und das war so wenig schlimm, dass du dich entschlossen hast, nicht mehr so ein großes Geheimnis draus zu machen?“

„Ja, so ungefähr. Also es war klar, dass ich über kurz oder lang mit Katharina reden muss. Und wenn Lasse davon weiß und jetzt du, dann kann ich nach dem nächsten langen Zockerabend auch mal bei dir übernachten oder du bei mir – also wenn du kein Problem damit hast.“
„Mit den Windeln?“, hakte Andy in seiner gewohnt undiplomatischen Art, aber zumindest mit einem prüfenden Blick auf potentielle Zuhörer, nach. Daniel nickte beschämt und Andy schüttelte den Kopf. „Ich hab bestimmt kein Problem damit. Erinnerst du dich, was mein Bruder erzählt hat, als wir dich und Felix nach Sophies Party heimgefahren haben?“ Einen Moment hatte Daniel keine Ahnung, worauf Andy anspielte, aber dann begriff er. „Dass du im Auto mal in die Hose gemacht hast, als du eigentlich schon viel zu alt warst?“ Nun sichtlich beschämt nickte Andy. „Ja, und die Drohung, dass meine Mutter mir wieder Windeln anzieht, war gar nicht soooo weit hergeholt. Zum Autofahren haben sie das nämlich ziemlich lange gemacht, bestimmt bis ich acht war.“ Daniel konnte nichts dagegen tun, er musste grinsen. Andy gegen seinen Willen auch, dann erklärte er: „Also nein, ich hab sicher kein Problem damit. Ich bin froh, dass dein Gezicke wegen des Übernachtens daran lag und nichts mit uns zu tun hatte.“ Der Gedanke, dass seine Freunde die Ausreden auf sich beziehen und persönlich nehmen könnten, war ihm nie gekommen, und als ihm das jetzt bewusst wurde, schämte er sich ein wenig. Aber Andy ließ ihn nicht weiter grübeln, sondern fragte: „Aber Katharina weiß auch davon, meintest du? So wie ihr miteinander umgeht, wirkt es nicht, als wäre es schlimm für sie oder hätte Einfluss auf eure Beziehung.“
„Hat es auch nicht“, bestätigte Daniel. „Also zumindest nicht schlimm, aber es ist trotzdem nicht so einfach. Ich kann nicht anders, manchmal schäme ich mich wahnsinnig, auch wenn sie super damit umgeht. Ich wünsche mir trotzdem einfach eine ganz normale erwachsenen Beziehung, ohne dieses Problem und die Lösung dafür.“ Beinahe hätte er sich selbst diese Halbwahrheit abgenommen, wären die Gedanken an heute morgen, an seine widersprüchlichen Gefühle und an die darauf folgende Handlung, nicht gewesen. Zu seiner Erleichterung schien ihm Andy die Aussage abzunehmen, er nickte nachdenklich. „Verstehe“, meinte er. „Aber vielleicht ändert sich das, wenn ihr ein bisschen länger zusammen seid. Also am Anfang einer Beziehung ist ja sowieso immer ganz viel Unsicherheit dabei, da ist das vielleicht nur ein Punkt. Also bestimmt wird deine Sorge dann auch besser.“
„Hoffentlich“, murmelte Daniel. „Und was ist mit dir?“
Jetzt kamen der tiefe Seufzer und das lange Schweigen von Andy. Dann begann er: „Ich war doch neulich nicht mit euch auf dem Volksfest, weil ich ein Date hatte.“
„Das ist ja nun keine Neuigkeit“ Genau wie Andy schaffte Daniel es im Gegensatz zu Lasse auch nicht, ohne Zwischenfragen zuzuhören. Andy fuhr fort: „Na ja, ich hatte nicht nur ein Date, sondern auch ziemlich guten Sex.“
„Auch das ist keine Neuigkeit“ Andy streckte ihm die Zunge raus, Daniel lachte und auch Lasse musste grinsen. Im Gegensatz zu ihnen beiden hatte Andy einiges an Erfahrung mit Sex, auch mit verschiedenen Mädels, und dass ein Date in einem One-Night-Stand endete, war tatsächlich keine umwerfende Neuigkeit. Daniel riss sich zusammen und fragte: „Aber warum bist du so durch den Wind? Das war doch schon öfter so und du sagst ja auch, dass der Sex gut war.“
„War er auch, sehr gut sogar“
„Aber?“
„Aber es war danach nicht so abgehakt wie sonst. Also bei den anderen war für uns beide von Vornherein klar, dass das nichts verbindliches ist, wir beide Spaß haben und es damit gut ist. Aber diesmal geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Und damit meine ich sie als Person, nicht der Sex. Ich hab mich super mit ihr unterhalten, sie ist witzig und statt mich zu freuen, dass wir beide unseren Spaß hatten, grüble ich, ob ich sie anrufen soll – was aber Blödsinn ist, es gibt ja keinen Grund.“

Daniel schwieg, er war zu verblüfft über diese Beichte und noch verblüffter über Andys offene, echte Ratlosigkeit. Lasse brauchte nicht so lange um zu begreifen und vor allem, um eine Antwort zu formulieren. „Du bist verliebt“, diagnostizierte er und beide konnten nicht anders, sie prusteten los angesichts von Andys heruntergeklappter Kinnlade und den weit aufgerissenen Augen. „Das war nicht geplant“, murmelte Andy und wenn Daniel nicht alles täuschte, klang Lasses Stimme ein wenig bitter. „Das ist selten geplant“, stellte er fest und Daniel nickte zustimmend. Kläglich wollte Andy wissen: „Was mache ich denn jetzt?“
„Ruf sie an“, schlug Daniel vor,
„Wie – einfach so? Ohne Grund?“
„Dass du sie vermisst und gerne wiedersehen würdest, ist doch Grund genug“
„Aber das kann ich ihr doch so nicht sagen!“
„Dann frag sie, ob ihr euch verabreden wollt, z.B. ins Kino gehen. Irgendwas, das klar macht, dass es ein richtiges Date ist, und nicht nur um das Eine geht.“
„Meint ihr?“
Daniel nickte und auch Lasse stimmte ihm zu. „Du hast doch nichts zu verlieren“, gab er zu bedenken. „Im schlimmsten Fall sagt sie Nein, weil sie kein Interesse hat, es bei einem One-Night-Stand belassen will oder warum auch immer. Aber dann ist es nicht anders als jetzt, nur dass du weißt, was Sache ist.“ Das schien Andy zum Nachdenken zu bringen
, er schwieg eine Weile und nickte schließlich. Daniel fiel noch etwas ein. „Kennen wir die Glückliche eigentlich? Also ist sie an unserer Schule oder wohnt bei dir in der Nähe?“
„Ich weiß nicht, ob sie wirklich so glücklich ist“ Andy grinste, er hatte ein Stück seines trockenen Humors wiedergefunden. „Aber nein, ihr kennt sie nicht. Sie wohnt nicht direkt hier in der Gegend und ist an einer anderen Schule.“
„Schade“ Lasse klang so enttäuscht, wie Daniel sich fühlte. Beide hätten das Mädchen, das den Frauenheld Andy zum ratlosen verliebten Kerl machte, gerne kennengelernt. „Vielleicht wird es ja was und wir lernen sie mal kennen“, hoffe Daniel. „Halt uns auf jeden Fall auf dem Laufenden, wenn du sie angerufen hast!“
„Mach ich“

Nun schauten beide Lasse an und Daniel fragte: „Und du?“
„Ich?“ Lasse stellte sich unschuldig. „Was soll mit mir sein?“
„Du siehst auch aus wie ausgekotzt“, stellte Andy wenig charmant fest. „Also was ist mit dir los?“
„Ich habe schlecht geschlafen“, murmelte Lasse und Andy fragte direkt weiter: „Und warum?“
Als Daniel schon dachte, er würde gar nicht mehr antworten und einlenken wollte, dass er nicht darüber reden müsste, wenn er nicht wollte, sagte Lasse leise: „Wegen Felix“ Der Name ließ Daniel aufhorchen und er fragte: „Was ist mit ihm?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Lasse und ihm waren der Frust und die Ratlosigkeit anzuhören. „Ich weiß einfach nicht, was los ist, und woran ich bei ihm bin. Im einen Moment ist er total offen und zugänglich und dann zieht er sich plötzlich wieder zurück, blockt ab und wirkt so unnahbar.“
„Läuft da was zwischen euch?“ Undiplomatisch wie immer brachte Andy auf den Punkt, was Daniel auch brennend interessierte, er sich aber nicht getraut hätte, so direkt zu fragen. „Nein“, protestierte Lasse so heftig, dass ihm die Unglaubwürdigkeit wohl selbst bewusst wurde. Also lenkte er ein: „Nicht so, wie ihr vielleicht denkt. Also wir reden super viel, ich habe das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen, wir haben einander sehr viel persönliches erzählt und es fühlt sich gut an.“
„Und körperliche Nähe?“ Andy war gnadenlos, Lasse wurde so rot wie seine geliebten Sneakers und gestand dann: „Wir haben gekuschelt, mehr nicht. Und das war auch ohne irgendwelche Hintergedanken, einmal wollte er mich trösten und einmal ich ihn.“
Andy und Daniel schauten sich mit hochgezogenen Augenbrauen an, beide glaubten nicht ganz, dass man nur zum Trost und nur freundschaftlich miteinander kuschelte, ließen es aber zunächst so stehen. Andy fragte nur: „Und?“ und Lasse zuckte frustriert mit den Schultern. „Und dann springt er auf, beteuert, dass er ganz bestimmt nicht schwul ist und wirkt, als würde ich über ihn herfallen.“ Die Vorstellung, der zurückhaltende Lasse könnte über jemanden herfallen, war so absurd, dass Daniel ein Grinsen unterdrücken müsste. Andy erklärte: „Ich kann verstehen, dass das frustrierend ist, wenn sich jemand so widersprüchlich verhält. Du kennst ihn doch besser, hast du eine Ahnung, warum er so drauf ist?“ Daniel schüttelte langsam den Kopf, in Felix‘ Abwesenheit darüber zu spekulieren, was wohl in ihm vorging, war ihm unangenehm. „Wahrscheinlich weiß er das selbst nicht“ Lasse seufzte nur und Daniel vermutete: „Du magst ihn, oder?“
„Ja“ Leise, kaum zu verstehen, wieder Seufzen. „Ich will ihn nicht unter Druck setzen, aber so ist es auch scheiße.“

„Verständlich“, gab Andy ihm Recht und Daniel schlug vor: „Dann rede doch mit ihm. Also sag ich das genauso wie uns grade, dass es dir damit nicht gut geht, du ihm auch helfen willst, aber dafür wissen musst, was mit ihm los ist.“ Wieder seufzte Lasse, nickte dann aber, und Andy grinste: „Ob wir die Beratungsgespräche als therapeutische Leistung mit der Krankenkasse abrechnen können?“ „Kannst es ja versuchen“, schlug Daniel vor. „Bis dahin sollten wir aber dringend wieder rein, ich komme nämlich grade zum zweiten Mal an einem Tag zu spät zum Unterricht, das muss man auch erst mal schaffen.“

Felix‘ POV

Felix seufzte, als er in seine Schuhe und seinen Mantel schlüpfte und sich auf den Weg zur Bushaltestelle machte. Er hatte sich auf den Kinoabend mit Daniel gefreut, sogar kurz darüber nachgedacht, ob Daniel wohl mit Windel ins Kino gehen würde? Er hatte ihm erzählt, dass er das manchmal machte, vielleicht würden sie sogar über das Thema reden? Morgens war er noch voller Vorfreude und Neugier gewesen, aber jetzt war seine Laune plötzlich schlecht ohne dass er richtig wusste, warum. Na gut, wenn er ehrlich zu sich selbst war, wusste er es schon. Er wunderte sich über Lasses einsilbige Antworten. Gestern Abend hatten sie noch lange telefoniert und er war mit dem üblichen wohligen Gefühl eingeschlafen, das ihn immer beschlich, wenn er an Lasse dachte. Aber als er ihm heute geschrieben hatte, wie sein Schultag gewesen war und ob sie den befürchteten Physiktest geschrieben hatten, hatte die Antwort nur aus einem knappen „okay, ne zum glück nicht“ bestanden. Das war untypisch für Lasse, der sonst immer in ganzen Sätzen antwortete, viel erzählte und Gegenfragen stellte. Auf Felix‘ „Ist alles okay“ war ein genauso einsilbiges „ja“ gekommen und die Frage, ob sie sich am Wochenende treffen wollte, hatte Lasse abgeblockt, er wisse es noch nicht, müsste wahrscheinlich auf Leif aufpassen. Auch das kam Felix komisch vor, Leif war sonst nicht pauschal ein Grund, abzusagen. Seit Felix den Kleinen kennengelernt hatte, hatten sie sich noch zweimal bei Lasse zu Hause getroffen, als der mit Leif allein war, und einmal hatten sie sich auf einer Spielplatzbank über Gott und die Welt unterhalten, während Leif sich ausgetobt hatte.

Vor lauter Grübeln hätte er fast die richtige Haltestelle verpasst, sprang hastig auf und aus der noch geöffneten Tür. Er begrüßte Daniel, der wirkte sehr gut gelaunt. „Hast du dir den Trailer angeschaut?“, fragte er und Felix nickte. Hatte er, aber gerade das Gefühl, vergessen zu haben, worum es eigentlich ging. Als sie mit einer Tüte Popcorn zwischen sich auf ihren Plätzen saßen und sich mit halber Aufmerksamkeit der Werbung widmeten, schaute Daniel ihn an. „Was ist los?“
„Was soll los sein?“
„Das weiß ich ja nicht. Aber du bist so ruhig und siehst aus, als wärst du mit deinen Gedanken ganz woanders.“
„Jaaaaa“
„Ja was?“
„Ja, ich denke wirklich über was nach“
„Und über was?“
„Über Lasse“
„Was ist mit Lasse?“
Felix schluckte, dann sprudelten seine Gedanken und Sorgen aus ihm heraus, wie untypisch Lasses einsilbige Kommunikation war, dass er sich fragte, ob er was falsch gemacht hatte, ob Lasse sauer auf ihn war.
„Er ist nicht sauer“ Daniel klang zögernd, spielte mit dem Popcorn herum, ohne sich etwas davon in den Mund zu stecken.
„Ihr habt über mich geredet?“ Felix‘ Stimme wurde lauter, die Leute vor ihnen drehten sich um und er murmelte: „Sorry“ Daniel zuckte mit den Achseln, gab dann aber zu: „Ja, wir haben über dich geredet. Er ist grade ziemlich fertig und ehrlich gesagt, bist du nicht ganz unschuldig daran.“
„Was?“ Wieder wurden ihnen böse Blicke zugeworfen und ein Junge aus der Reihe vor ihnen zischte: „Ey Jungs, klärt euer Problem gefälligst draußen!“ Felix hatte sowieso keine Lust mehr auf den Film und erhob sich. Daniel folgte ihm ohne weitere Fragen und im Foyer des Kinos wiederholte Felix seine Frage: „Warum habt ihr über mich geredet?“
„Wie gesagt, Lasse ist nicht gut drauf. Er ist nicht sauer auf dich, aber ratlos.“
„Ratlos?
„Ja,weil er nicht weiß, woran er ist. Weil du ihn verwirrst mit deinem sprunghaften Verhalten.“
„Sprunghaft?“ Felix merkte selbst, dass seine Stimme lauter und mindestens ein Oktave höher geworden war, während er gleichzeitig wohl nicht mehr in der Lage war, zusammenhängende Sätze von sich zu geben. Aber offensichtlich hatte Daniel sich in Rage geredet, auch er sprach viel lauter als sonst: „Ja, sprunghaft. Oder wie würdest du es nennen, dass du mal super offen mit ihm über alles redest und dann wieder dicht machst? Dass du mal mit ihm kuschelst und dann wieder abblockst?“
„Das hat er euch erzählt?“ Statt laut war Felix‘ Stimme nun nur noch ein Flüstern und Daniel klang umso einschüchternder. „Ja, hat er. Weil er traurig und ratlos ist. Ganz ehrlich, das ist scheiße!“
„Du hast ja keine Ahnung…“ Zu seinem Entsetzen merkte Felix selbst, dass er sich jetzt anhörte, als wäre er den Tränen nahe.
„Ich hab keine Ahnung?“, herrschte Daniel ihn an und Felix spürte eine Mischung und Wut und Verzweiflung in sich aufsteigen: „Ja du hast keine Ahnung! Du hast keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man nicht weiß, was man selbst eigentlich will, wenn das, was man sich wünscht, was sich schön anfühlt, einem gleichzeitig so falsch vorkommt.“
„Aber ich hab mehr als eine Ahnung, wie es Lasse geht und ich will nicht, dass meine Freunde unglücklich sind!“
„Ich dachte, wir sind auch Freunde“

Daniels POV


Erst beim Blick in Felix‘ Gesicht, in dessen Augen, in denen sich Tränen sammelten, begriff Daniel, was er da eigentlich gesagt hatte. Felix hatte Recht, natürlich waren sie auch Freunde. Sie kannten sich noch nicht solange, teilten aber soviel miteinander. Felix war der Erste, dem Daniel die schrecklichen Erlebnisse an seiner alten Schule anvertraut hatte, Felix‘ verständnisvolle Reaktion und seine guten Ratschläge hatten für Daniel so vieles besser gemacht. Er konnte sogar seine verrückten Gefühle bezüglich der Windeln mit ihm teilen, Felix verstand ihn nicht nur, sondern empfand ganz ähnlich. Er hatte ihn nicht verletzen wollen, aber gleichzeitig sah er wieder überdeutlich Lasses trauriges, ratloses Gesicht vor sich. Verdammt, warum benahm der sonst so kluge Felix sich auch so dumm, wo blieb beim Thema Lasse sein Einfühlungsvermögen und sein Verständnis für Gefühle und Gedanken anderer? Daniel holte tief Luft um sich ein bisschen zu beruhigen und versuchte dann zu erklären: „Sind wir auch, aber ich kann nicht tatenlos zu sehen, wenn du so mit Lasse umgehst!“ Felix schwieg, schaute ihn einen Moment aus großen Augen an und griff dann nach seinem Mantel. „Wo willst du hin?“
„Nach Hause“, antwortete Felix und bevor Daniel noch etwas erwidern konnte, war Felix davon gestürmt, ließ ihn allein im Vorraum des Kinos stehen. Daniel schluckte, das hatte er wirklich nicht gewollt. Mit einem tiefen Seufzer schlüpfte auch er in seine Jacke und machte sich auf den Heimweg. In der Straßenbahn schaltete er sein Handy wieder an, checkte seine Nachrichten. Eine von Katharina, die erklärte, sie sei heute wirklich müde, würde früh schlafen gehen und ihm später eine gute Nacht wünschte. Eine Nachricht von Andy, der seinen One Night Stand erreicht hatte und tatsächlich für Sonntag mit ihr fürs Kino verabredet war. Und eine von Lasse: Hey, ich weiß, dass es scheiße ist, dich nach Felix zu fragen. Ich will gar nicht wissen, worüber ihr geredet habt, nur ob es ihm gut geht?
Frustriert ließ Daniel das Handy in seinen Schoß fallen, wieso musste nur alles so kompliziert sein? Aber Nachrichten unbeantwortet lassen, war nicht seine Art, also tippte er schließlich doch. Er wünschte Katharina eine gute Nacht und sagte ihr, dass er sich auf morgen freue und beglückwünschte Andy zu seinem Entschluss. Nach einem Moment des Zögerns schrieb er auch Lasse zurück: Ehrlich gesagt glaub ich nicht, vielleicht willst du ihm ja noch schreiben heute Abend.

Damit hatte er getan, was er konnte. Oder war das auch wieder falsch gewesen? Hätte er sich gar nicht einmischen sollen? Felix gegenüber nichts von dem Gespräch mit Lasse erzählen? Und Lasse nicht antworten, wie es Felix vermutlich ging? Er war heilfroh, dass bei ihm zu Hause sonst keiner war, seine Lust auf Smalltalk mit seinen Eltern oder seiner Schwester lag unter Null. Er verkroch sich in sein Zimmer, nach dem schief gelaufenen Abend wusste er nichts mehr mit seiner Zeit anzufangen. Ein bisschen beschäftigte sich noch mit einem albernen Spiel auf seinem Handy, konnte sich aber selbst darauf nicht konzentrieren. Also konnte er genauso gut ins Bett gehen. Er putzte sich die Zähne, schlüpfte aus seinem Pullover in sein verwaschenes Schlafshirt und stand dann nachdenklich vor dem Schrank. Sollte er es riskieren und ohne Windel schlafen? Nach fünf trockenen Nächten am Stück wäre es einen Versuch wert und er hatte nicht viel zu verlieren – er schlief allein, das wasserdichte Laken schützte die Matratzen und duschen musste er morgen früh vor seiner Verabredung mit Katharina sowieso. Er hatte lange keinen solchen Versuch mehr unternommen, zu frustriert und beschämt war er nach den letzten Malen gewesen – denn gut gegangen war bisher keiner dieser Versuche. Aber er hatte auch schon lange keine fünf trockenen Nächte mehr gehabt. Andererseits waren der Abend und der Streit mit Felix Ereignisse, auf die sicher eine nasse Nacht folgen würde. Und wenn er ganz ehrlich war, sehnte er sich nach ein bisschen Trost. Halt Moment! Er hatte gerade tatsächlich die Windel mit etwas Tröstendem verglichen, er wurde wohl wirklich verrückt. Doch noch während ihm diese Erkenntnis kam, öffnete er das extra Fach in seinem Kleiderschrank und holte statt der Pants eine der richtigen Windel heraus. Ganz langsam, fast wie einem geheimen Ritual folgend, knöpfte er seine Jeans auf, streifte sie ab und legte sie sorgfältig zusammengefaltet auf die Couch, es folgten die Boxershorts. Dann faltete er die Windel bedächtig auseinander, drehte sie in die notwendige Schiffchenform und strich mit den Fingerspitzen über das weiche Vlies. Er klemmte die Windel zwischen seinen Körper und die Wand und obwohl er diese Handgriffe schon unzählige Male ausgeführt hatte, tat er es heute so langsam, so genau, als müsste er über jeden Handgriff genau nachdenken. Er klappte das Vorderteil hoch, strich es ganz glatt und verschloss einen Klebestreifen nach dem anderen, erst die zwei unteren, dann die zwei oberen, akribisch darauf achtend, dass sie parallel zueinander waren. Anschließend ließ er seine Finger gedankenverloren über die knisternden Plastikfolie auf der Oberseite gleiten und ging zu seinem Bett. Statt wie sonst schnellstmöglich eine Hose überzustreifen um den Anblick zu verbergen und das Gefühl ein bisschen abzumildern, legte er sich heute nur mit Windel und T-Shirt bekleidet ins Bett, wickelte sich wie in einen Kokon in seine Decke ein und schaffte es tatsächlich, das Gefühl zu genießen und einzuschlafen, bevor die Gedanken daran, wie verrückt das war, wieder kamen.

Felix‘ POV


Felix hatte es unter Aufbietung all seiner Kräfte geschafft, die Busfahrt nach Hause zu überstehen, ohne in Tränen auszubrechen. Als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel, war es mit seiner Beherrschung allerdings vorbei. Ohne die Schnürsenkel zu öffnen, zerrte er seine Schuhe von den Füßen, warf seinen Mantel achtlos darauf und stolperte in sein Zimmer. Er ließ sich auf sein Bett fallen und den Tränen freien Lauf. Daniel hatte ja Recht, er verhielt sich absolut schäbig und machte Lasse unglücklich. Aber wusste einfach nicht weiter, es war genauso wie, er es Daniel zu erklären versucht hatte: Was sich schön anfühlte, was er sich wünschte, war nichts mehr als in Lasses Nähe zu sein, in sein Grinsen und seine dunklen Augen zu schauen, dicht neben ihm zu sitzen und sich auf angenehme Kribbeln einzulassen, das ihn in Lasses Gegenwart befiel. Aber gleichzeitig schrie alles in ihm, dass es so falsch war, nicht sein sollte. Dass er nicht so fühlen sollte. Und jetzt hatte das Chaos in seinem Kopf noch dazu geführt, dass er sich mit Daniel gestritten hatte. Daniel, den er noch gar nicht solange kannte, mit dem es sich aber gleichzeitig so anfühlte, als wäre es schon ewig so. Daniel, der so ein besonderer Freund für ihn geworden war, mit dem er soviel teilte. Der Filmabend, als sie sich beide eine Windel angezogen hatten und Daniel ihn dabei beobachtet hatte, wie er diese mit einiger Anstrengung schließlich benutzt hatte, die Nacht nach der Halloweenparty, als Daniel ihn gewickelt hatte, waren wie ein Film auf seiner Netzhaut eingebrannt. Ob er das alles endgültig aufs Spiel gesetzt hatte, weil er sich Lasse gegenüber so feige verhielt? Und Lasse selbst, wie lange es wohl dauern würde, bis der die Nase voll hatte von seinem Hin und Her? Die ungewohnt einsilbige Kommunikation heute und die Tatsache, dass sie anders als in den letzten Wochen für das Wochenende nicht verabredet waren, sprachen dafür. Aber andererseits hatte Lasse doch auch deutlich gemacht, dass er nicht in ihn verliebt war. Sie waren schließlich einfach nur Freunde, was sollte dann das ganze Theater? Vielleicht war es eine dumme Idee gewesen, mit ihm zu kuscheln, das hatte Daniel ihm ja vorgeworfen. Er hatte ihn zwar nur trösten wollen, aber möglicherweise war das falsch rüber gekommen. Er würde das in Zukunft einfach lassen, dann konnten sie ganz normal wie gute Freunde miteinander umgehen. Damit würde er Lasse nicht weiter unglücklich machen und hoffentlich wäre dann auch Daniel nicht mehr sauer auf ihn. Mit diesem festen Entschluss wischte er sich die Tränenspuren aus dem Gesicht, putzte sich die Nase und kramte das Handy aus seiner Hosentasche. Während er noch überlegte, wie er eine möglichst unverfängliche freundschaftliche Nachricht an Lasse verfassen sollte, erkannte er, dass der ihm zuvorgekommen war. Das Chatfenster mit dem Profilbild des grinsenden Dänen blinkte und Felix öffnete den Chatverlauf und las: „Hej, sorry dass ich mich nicht früher gemeldet hab, war nicht so gut drauf heute. Wenn du magst, können wir uns Sonntag treffen, ich melde mich wegen der Zeit nochmal. Ich wünsche dir ne gute Nacht 🙂

Das Herzklopfen, das Felix beim Lesen befiel, die Wärme, die sich in seinem ganzen Körper ausbreitete und das Grinsen, das den letzten Rest Tränen verdrängte, fühlten sich so gar nicht nach nur Freundschaft an. Aber Felix schob diese Gedanken beiseite, er freute sich einfach nur, dass Lasse wohl doch nicht sauer war. Er ignorierte auch seine zitternden Finger, als er eine Antwort tippte: würde mich freuen. Schlaf du auch gut 🙂

2 Kommentare zu „Unfall mit Folgen Teil 9: Allgemeine Verwirrung

  1. Danke Kobold für diese Tolle Geschichte. Ich hatte deine Geschichten schon in einem anderen Forum verfolgt und geliebt. Ich würde mich Freuen, wenn es deine älteren Stories auch wieder irgendwo zu Lesen gibt.
    Grüsse Windelus

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    1. Vielen Dank für das Kompliment, ich freue mich sehr über jeden, dem meine Geschichten gefallen 🙂 Ich habe beim Ausmisten meiner alten Festplatte tatsächlich die Geschichten, an die du vermutlich denkst, wiedergefunden. Allerdings bin ich mir noch nicht sicher, ob ich sie veröffentlichen kann und will, zum Einen ist nur das Internat überhaupt fertig, zum anderen finde ich sie mit knapp zehn Jahren Abstand auch etwas peinlich 😉 Aber ich werde über deinen Wunsch nachdenken und mich nach dem Projekt vielleicht an eine Überarbeitung setzen. Bis dahin hast du ja vielleicht Lust, in die Kurzgeschichten reinzuschauen, da wirst du vertraute Personen wiederfinden.

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