Spiel mit dem Feuer

„Ich hab ja bald Geburtstag“, meinte Hendrik und Sascha bemühte sich, sich seine Gereiztheit nicht anmerken zu lassen. Da hatten sie einen wertvollen Samstagabend ohne Eltern, Schulstress oder sonstige Verpflichtungen für sich und angesichts seiner momentanen Situation und der ihn völlig über den Kopf wachsenden Sorgen war er mit großen Erwartungen zu seinem Freund gefahren. Und statt zumindest zu kuscheln und sonst irgendwas zu tun, was auch nur annähernd an eine Beziehung erinnerte, saß Hendrik an seinem Schreibtisch vor dem laufenden Laptop, während er allein auf dem Bett lümmelte. Mehr als einen flüchtigen Begrüßungskuss hatte Hendrik nicht für ihn übrig gehabt, keine Spur von wirklicher Zärtlichkeit. Die Windel, die Sascha nach einiger Überlegung noch zu Hause angezogen hatte, war schlichtweg unbemerkt geblieben. Da die Intimität und Nähe in letzter Zeit sehr gelitten hatte, hatte Sascha gehofft, das gemeinsame Fetischobjekt würde seinen Freund aus der Reserve locken und eine gute Vorlage liefern. Er wurde direkt rot bei seinen Fantasien, hatte er sich doch vorgestellt, wie Hendriks Hand bei der Begrüßung an seinem Hintern hinunter gleiten und die Windel durch den Stoff der Jeans ertasten würde, wie Hendrik die Augenbrauen hochziehen und betont herablassend fragen würde „Sooo, was haben wir denn da? Braucht da etwa jemand noch Windeln?“, ihn mit festem Griff an der Hand nehmen und ins Schlafzimmer ziehen würde…

Der Blick seines Freundes brachte ihn zurück in die wenig erotische Realität und er entgegnete: „Ja und? Also ich meine, ich weiß natürlich, dass du Geburtstag hast, aber was willst du damit sagen? Du hast doch schon entschieden, dass du am Wochenende danach im Keller vom Gemeindehaus ne kleine Party machen willst?!“ „Ich überlege, wen ich noch einladen könnte“, erklärte Hendrik und erneut unterdrückte Sascha ein genervtes Seufzen. Denn auch das hatten sie eigentlich schon zur Genüge durchgekaut. Also erinnerte er sich: „Na ja, Valentin und Nina natürlich, Valerie und Alex, die drei aus deiner Klasse, von denen ich den Namen grade nicht weiß, und die Jungs aus dem Handballverein, falls vorhanden, mit Freundin. Und dass Valentins Bruder mitkommen kann, wenn er will, hast du den beiden auch schon gesagt.“ „Ja ja“, bestätigte Hendrik. „Ich überlege, auch Johannes einzuladen.“ „Johannes?“, wiederholte Sascha eine Tonlage höher, Hendrik überhörte auch das und nickte. „Lennard könnte natürlich auch mitkommen, wenn er will.“ „Dürfen die Zwei denn einfach so aus dem Internat übers Wochenende weg?“, forschte Sascha und Hendrik antwortete: „Wenn die Eltern einen Zettel unterschreiben, dass sie mit dem Zug allein wohin fahren dürfen, ist das gar kein Problem.“ „Du bist ja ziemlich gut informiert“, stellte Sascha fest und Hendrik erzählte: „Ja, wir chatten ziemlich viel.“ „Aha“, war Saschas einsilbige Antwort, ihn hatte Hendrik am Telefon oft relativ schnell abgewürgt, er müsse noch was für die Schule machen, aber zum Skypen mit dem hübschen Stuttgarter hatte er offensichtlich genug Zeit.

„Bist du eifersüchtig?“, bewies Hendrik nun doch eine Spur Einfühlungsvermögen und als Sascha nur die Schultern zuckte, versicherte er: „Dazu gibt’s gar keinen Grund. Erstens hat er Lennard und zweitens hab ich in letzter Zeit nur so oft mit ihm geschrieben, weil er nicht gut drauf war und jemanden zum Reden gebraucht hat.“ „Ach so“, erwiderte Sascha zunächst nur, doch dann riss ihm der ohnehin schon strapazierte Geduldsfaden und er fauchte: „Ob du’s glaubst oder nicht, da ist er nicht der Einzige!“ „Was bist du denn jetzt plötzlich so zickig?“, fragte Hendrik erstaunt, drehte sich nun aber zumindest von seinem Laptop zu ihm um. „Ich bin nicht zickig…“, begann Sascha, brach dann aber ab und stand auf. „Wo willst du hin?“, wollte Hendrik wissen und Sascha antwortete nur: „Nach Hause“ „Jetzt hör schon auf“, seufzte Hendrik. „Ich mach den Laptop gleich aus und dann machen wir was, okay?“ Doch Sascha war zu enttäuscht und zu verletzt und schüttelte den Kopf. „Ich hab keine Lust mehr“, murmelte er und nun wurde Hendrik ärgerlich: „Im Ernst, jetzt spinn doch nicht rum, wir haben uns doch auf den sturmfreien Abend gefreut.“ Sascha schwieg, machte aber keine Anstalten, zu bleiben. Stattdessen schlüpfte er in seine Jacke und öffnete die Zimmertür. Hendrik seufzte, blieb aber stehen. Sascha ging die Treppe hinunter, schaute nicht nach oben, ging allerdings langsamer, als es ein wütender Abgang eigentlich erfordert hätte. Er wünschte sich nichts mehr als dass Hendrik ihm nachlaufen und ihn bitten würde, zu bleiben. Oder ihm zumindest eine Entschuldigung nachrufen, irgendetwas, um ihn zum Bleiben zu bewegen. Aber es kam keinerlei Reaktion, auch nicht, als Sascha sich bückte und weiterhin langsam seine Schuhe anzog. Schließlich stand er an der Haustür, warf doch einen Blick nach oben und als er sah, dass Hendrik noch nicht mal die Zimmertür wieder geöffnet hatte, hatte er es beim Verlassen des Hauses plötzlich umso eiliger.

Er blinzelte einige Male heftig, um die Tränen zurückzudrängen, die ihm in die Augen stiegen, und lief zunächst einfach nur ziellos durch die Straßen. Als er sich durch das Laufen und die frische Luft wieder ein bisschen beruhigt hatte, überlegte er, wo er nun eigentlich hin wollte. Nach Hause auf keinen Fall und eigentlich auch nicht allein sein, sondern mit jemandem reden. Er hatte keinen großen Freundeskreis und noch weniger Menschen, denen er wirklich vertraute, und so fanden seine Füße fast von selbst den Weg zu Valentin. Dieser wohnte im selben gut bürgerlichen – oder wie er selbst respektlos sagte – spießigen Stadtteil Nürnbergs und als er an der Haustür klingelte, betete er, dass Valentins Eltern nicht da wären. Die strengen und sehr viel Wert auf Etikette legenden Herrschaften sahen Besuch nach zwanzig Uhr auch am Wochenende nicht gern, zudem hatten sie die unangenehme Angewohnheit, auch immer eine Erklärung hierfür zu verlangen und die Aussage, man wolle eben einfach mal so bei Valentin vorbeikommen entsprach diesbezüglich nicht ganz ihren Ansprüchen.

Zu Saschas Erleichterung war es nicht Frau Bogner, die die ihm öffnete, sondern Valentins vierzehnjähriger Bruder. Sascha und Micky hatten ihre Anlaufschwierigkeiten gehabt, Micky war mit seiner sehr direkten, zum Teil sogar oft unverschämten Art bei dem stets freundlichen, höflichen und eher zurückhaltenden Sascha oft angeeckt, doch je besser sich die beiden kennenlernten, desto geringer wurden ihre Missverständnisse.
So meinte Micky jetzt freundlich: „Hi“, Sascha erwiderte den Gruß und erkundigte sich: „Ist Valentin da?“ „Ne, der ist bei Nina“, berichtete Micky und Valentin unterdrückte ein Seufzen, das hätte er sich an einem Samstagabend eigentlich denken können. Aber Micky ergänzte: „Er kommt aber bald wieder, sie ist dann noch zu irgend’ner Mädchenpyjamaparty eingeladen.“ „Okay“, nickte Sascha, überlegte, ob er ihm ausrichten lassen sollte, Valentin möge ihn anrufen. Aber eigentlich wollte er persönlich mit ihm sprechen und nach wie vor nicht nach Hause. Micky schien das wohl zu ahnen, denn sonst war Höflichkeit absolut nicht seine Stärke, aber jetzt bot er an: „Willst du reinkommen und auf ihn warten? Dauert bestimmt nicht mehr lange, er hat was gesagt, dass er um neun wieder da ist.“ Sascha nickte, folgte Micky ins Haus und stellte seine Schuhe brav im Flur ab. Micky führte ihn in die Küche, zeigte auf einen der Stühle und grinste, als Sascha etwas unsicher an der Tür stehenblieb: „Setz dich, kostet auch nicht mehr“

Schweigend kam Sascha der Aufforderung nach, Micky schaute ihn mit dem für ihn typischen forschend Blick an und erkundigte sich: „Hast du Stress mit Hendrik?“ „Wie kommst du da drauf?“ „Weil du aussiehst, als hättest du Ärger mit deiner besseren Hälfte, Ärger zu Hause oder Ärger in der Schule“, urteilte Micky und mit einem Anflug von Galgenhumor schlug Sascha vor: „Wie wäre es mit allem Drei?“ Statt einer Antwort stand Micky auf, öffnete den Küchenschrank und fragte: „Willst du Tee?“ Etwas irritiert von dieser Nicht-Antwort schwieg Sascha zunächst und Micky grinste: „Sheldon Cooper lehrt uns, unglücklichen Besuchern ein heißes Getränk anzubieten.“ Nun begriff auch Sascha und entgegnete: „Wenn du wirklich Tee da hast und mir nicht in Ermangelung dessen dann Gemüsebrühe vorsetzt, gerne“ „Keine Sorge“, kicherte Micky. „Du hast sogar die Wahl zwischen schwarzem, grünem und Früchte.“ „Egal“, versicherte Sascha, Micky füllte den Wasserkocher und widersprach: „Egal gibt’s nicht – also?“ „Na ja, dann Früchte bitte“, bat Sascha und Micky nickte zufrieden. Er holte die Beutel aus dem Schrank und erklärte: „Bei der Menge an Problemen mach ich am besten ne ganze Kanne“ Während der Tee zog, schwiegen beide, dann reichte Micky Sascha eine Tasse, nahm sich selbst eine und setzte sich im gegenüber auf die Eckbank. „Sind eure Eltern nicht da?“, wollte Sascha wissen und Micky antwortete: „Ne, Gott sei Dank nicht. Sind das ganze Wochenende auf so ’nem Wellnessding, keine Ahnung; Hauptsache, wir haben unsere Ruhe“ Die Hände um die heiße Teetasse gelegt nickte Sascha und Micky bot an: „Willst du erzählen, was du für Ärger hast?“

Das Angebot war wirklich lieb und rührte Sascha, aber er wehrte ab: „Ich will dich nicht zutexten, du hast bestimmt was Besseres zu tun als dir mein Gejammer anzuhören. Ich kann auch hier allein auf Valentin warten.“ „Erstens ist das keine Antwort, zweitens hab ich nix anderes vor und drittens biete ich so was nicht jedem an.“ „Okay“, murmelte Sascha, sortierte seine Gedanken kurz und begann dann: „Meine kleine Schwester ist ziemlich krank, weißt du das?“
Sie hat Asthma, oder?“, wollte Micky wissen und Sascha nickte.
„Schweres und nicht gut medikamentös einstellbares, sie muss mit Sport und allem aufpassen und hat immer wieder ziemlich heftige Anfälle. Daran sind wir alle gewöhnt, sie selbst auch, aber diesmal ist es so eskaliert, dass die Notfallmedis nicht mehr geholfen haben und sie kam dann mit dem Notarzt aus der Schule ins Krankenhaus, die haben ihr Sauerstoff gegeben, aber ihren Zustand diesmal nicht stabilisiert gekriegt und sie in die Uniklinik nach Würzburg verlegt. Da liegt sie jetzt dauerhaft am Sauerstoffgerät angeschlossen und ein Haufen Spezialisten versucht, ihr zu helfen.“
„Scheiße“, kommentierte Micky mitfühlend. „Wie geht’s ihr?“
„Den Umständen entsprechend. Dafür, dass sie erst elf ist, ist sie verdammt tapfer. Sie jammert fast nicht, obwohl es ihr wohl echt beschissen geht und Krankenhaus sowieso scheiße ist. Sie hat Heimweh, und wir, also meine große Schwester und ich können sie nicht besuchen, weil Würzburg ja nicht um die Ecke ist und wir Schule haben. Meine Mum ist mit ihr dort, in der Kinderklinik gibt’s zum Glück Übernachtungsmöglichkeiten für die Eltern. Aber sie hat wegen Sophia schon so oft in der Arbeit gefehlt, ihr Chef ist echt verständnisvoll, hat ihr jetzt erst mal überstundenfrei gegeben, aber ewig geht das natürlich auch nicht. Wenn es jetzt länger dauert – und danach sieht es ja aus – riskiert sie ihren Job und das wär ne Katastrophe, wir haben sowieso schon dauernd Geldsorgen; wenn sie arbeitslos wäre, das will ich mir gar nicht vorstellen. Aber sie kann die Kleine ja auch nicht alleine im Krankenhaus lassen, erst recht nicht, wenn es ihr so schlecht geht und sie so viele Untersuchungen mit ihr machen müssen. Meine große Schwester muss mitten in dem ganzen Chaos Abiprüfungen schreiben und hat laut eigener Einschätzung die erste in den Sand gesetzt. Sie ist eine super Schülerin und wahnsinnig ehrgeizig, sie will Medizin studieren und hatte auch gute Chancen, den Schnitt dafür hinzukriegen. Aber wenn die erste Prüfung wirklich so schiefgegangen ist und sie sich auf die nächsten auch nicht besser konzentrieren kann… Na ja und bei mir ist es nicht so schlimm, weil’s um nichts geht außer ein schlechtes Jahreszeugnis. Also ich werd jetzt bestimmt nicht durchfallen, aber ich war halt auch immer gut in der Schule und – jetzt klinge ich bestimmt wie ein blöder Streber – das war halt immer wichtig für mich, auch weil unsere Mum so stolz auf uns ist, dass wir so gute Noten haben und studieren können und mal ’nen guten Job kriegen… Und auch wenn sie das nicht sagt, man hört, dass sie enttäuscht ist und sich Sorgen macht, vor allem um Lauras Abi natürlich, aber um meine Noten auch. Und dabei hat sie ja schon genug Probleme.“

Er schwieg, holte tief Luft und auch Micky sagte lange nichts, dann stellte er nur fest: „Das ist echt ne scheiß Situation.“ Sascha nickte, komischerweise fühlte er sich ein bisschen besser, obwohl Micky überhaupt nichts Tröstendes oder Hilfreiches gesagt hatte. Aber zum einen tat es gut, sich alles ungehindert von der Seele zu reden, zum anderen war es ihm lieber, jemand gab so direkt zu, dass ihm nichts einfiel, als ihn mit unehrlichen Aufmunterungen helfen zu wollen. Micky fragte jetzt vorsichtig: „Und Hendrik?“

„Pfff“, schnaubte Sascha. „Hendrik ist ein Idiot.“ Nun zog Micky doch erstaunt die Augenbrauen nach oben, fragte aber nicht weiter, sondern überließ es Sascha, ob er darüber reden wollte. Und der wollte, ohne einmal Luft zu holen sprudelte es alles ihm heraus, was er seit Wochen runter schluckte: Hendriks mangelndes Interesse an seinen Problemen: „Er fragt scheinbar nur aus Pflichtgefühl nach Sophia und nicht aus echtem Interesse und hat kein einziges Mal gefragt, wie es mir geht!“- Sein nicht vorhandenes Einfühlungsvermögen: „Er rafft überhaupt nicht, dass es mir mies geht!“- Seine Unaufmerksamkeit: „Und dann haben wir einmal nen Abend für uns und anstatt den zu nutzen, hockt er nur vor seinem blöden Laptop!“- Seine Eifersucht auf Johannes: „Mich würgt er am Telefon ab, aber mit Johannes kann er stundenlang skypen, weil der jemanden zum Reden braucht!“ – Und seine Frustration über das Fehlen jeglicher Intimität: „Weißt du, wie lange wir schon nicht mehr geknutscht und na ja, auch mehr haben?“
„Du wolltest Sex und stattdessen hat er dich ignoriert“, fasste Micky den missglückten Abend auf seine unnachahmliche Art und Weise zusammen und Sascha stotterte etwas überrumpelt: „Ja … Nein … Vielleicht auch, ja … Jedenfalls wollte ich irgendwas anderes als ein Gespräch über Belanglosigkeiten mit Blick auf seinen Rücken.“
„Verständlich“, nickte Micky und vermutete dann: „Ich glaube, er weiß nicht mehr so richtig, was er an dir hat. Also er nimmt es als selbstverständlich hin, dass du da bist, und gibt sich deswegen nicht mehr viel Mühe, dir zu zeigen, dass er du ihm wichtig bist. Und das bist du auf jeden Fall; er ist vielleicht manchmal ein Idiot, aber er liebt dich. Eigentlich ist abhauen ja nicht unbedingt so ein guter Tipp, aber vielleicht war es in dem Fall gar nicht die schlechteste Idee.“
„Glaubst du echt?“, fragte Sascha skeptisch. „Ist es nicht eigentlich dumm und kindisch?“ „Das auch“, grinste Micky. „Aber Hendrik ist nicht blöd, er wird jetzt schon anfangen, nachzudenken, warum du abgehauen bist. Und wahrscheinlich rafft er dann auch, dass er nicht besonders nett zu dir war.“
„Und Johannes…“, begann Sascha und Micky unterbrach ihn: „Um den musst du dir keine Sorgen machen, erstens hat der doch seinen Lennard, zweitens wohnt er in Stuttgart und drittens macht es wahrscheinlich genau das reizvoll für Hendrik.“
„Was? Dass er in Stuttgart wohnt?“, fragte Sascha etwas verwirrt und Micky nickte.
„Weiter weg halt. Er würde nicht mit jemandem flirten, den er direkt vor der Nase hat, das wäre viel zu real. Solange das Ganze nur online läuft, ist es ein Spiel mit dem Feuer, ohne die Gefahr, dass wirklich was passiert. Ein bisschen rumspinnen, Fantasien austauschen, das tut er vielleicht mit ihm, aber jeder weiß, dass nie irgendwas davon wirklich passieren wird. Und deswegen kann man es genießen, ohne Angst oder ein besonders schlechtes Gewissen haben zu müssen.“ Sascha dachte eine Weile über diese Erklärung nach, dann gab er zu: „Das klingt gar nicht so dumm.“
„Ich bin hochbegabt, was hast du erwartet?“, grinste Micky und nun mussten beide lachen.

Bevor das anschließende Schweigen peinlich werden konnte, bot Micky an: „Willst du noch ne Tasse Tee?“ „Ja, aber ich muss erst mal auf die Toilette“ Er stand auf, doch Micky unterbrach ihn: „Wieso willst du aufs Klo, du hast doch ne Windel an?“ „Was?“, stotterte Sascha völlig überrumpelt und blieb in der Tür stehen. „Woher … ich meine, wie kommst du da drauf?“ „Ich hab es gesehen, als du dich zum Schuhe ausziehen gebückt hast“, erzählte Micky und Sascha wurde mindestens so rot wie sein Sweatshirt. In dem Versuch, schlagfertig zu sein, fragte er: „Starrst du Gästen immer auf den Hintern?“
„Nicht immer“, gab Micky todernst zurück. „Nur denen, bei denen es der Anblick wert ist.“ Falls das irgendwie möglich war, wurde Saschas Gesicht noch eine Nuance dunkler, dann setzte er sich wieder und murmelte: „Ja, aber das hat sich jetzt erledigt.“
„Warum?“, fragte Micky und Sascha seufzte: „Weil ich jetzt hier bin statt bei Hendrik.“ „Verstehe, du hast die Windel extra für ihn angezogen“, begriff Micky und Sascha nickte hastig und sehr verlegen. „Ich dachte, dass … na ja… ich hab gehofft,…“
„… dass ihn das so geil macht, dass du dann ganz schnell nur noch die Windel an hast?“, beendete Micky den Satz und Saschas Versuch, gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu schütteln, scheiterte ziemlich kläglich.
„Auch, aber nicht so richtig, also nicht so normal, ach, vergiss es“
„Ne, das vergesse ich bestimmt nicht“, grinste Micky. „Jetzt wird es doch erst spannend. Also worauf hast du gehofft?“
„Eigentlich geht dich das überhaupt nichts an“, wehrte sich Sascha, Micky bestätigte: „Stimmt“ und wartete dann einfach weiter auf eine Antwort.

Stockend versuchte Sascha sich erneut an einer Erklärung: „Na ja, wir machen jetzt nicht ständig irgendwas mit Toast, wir machen überhaupt nicht ständig irgendwas Sexuelles, weil Hendrik ja immer, also er hat ja immer irgendwie Angst oder keine Ahnung was, es ist jedenfalls total schwierig, überhaupt an ihn ran zu kommen, er blockt immer ab. Und das ist anstrengend und frustrierend und na ja… Also einmal ist es dann irgendwie aus der Situation raus dazu gekommen, dass er mir Toast angezogen hat. Und das war ganz anders, plötzlich war er so … bestimmend. Und das war ziemlich gut.“
Micky grinste verstehend und wieder mal fasste er Saschas Andeutungen in klare Worte: „So so, eine Windel macht deinen sonst so verklemmten Freund also dominant. Und darauf stehst du.“
„Meine Güte, du bist ja noch hundertmal schlimmer als dein Bruder!“, stellte Sascha mit einer Mischung aus Verärgerung und Bewunderung fest und Micky nickte nur. Ihm war anzumerken, dass er die Situation genoss, da er sie schon mehrmals umgekehrt erlebt hatte, da war er derjenige gewesen, der eine Windel getragen hatte, da er sonst ständig auf die Toilette musste, und war von den anderen damit aufgezogen worden.

Jetzt warf er einen Blick auf Saschas unruhig auf und ab wippende Knie und dessen zunehmend unentspannteren Gesichtsausdruck und grinste. „Du musst ganz schön dringend“ Mehr Feststellung als Frage.
„Ja und ich hab genug von dem Blödsinn, ich geh jetzt aufs Klo!“, entschied Sascha mit viel mehr Selbstbewusstsein in der Stimme als er tatsächlich verspürte. Aber Micky widersprach: „Eine trockene Windel ausziehen ist absolute Verschwendung, wenn du sie jetzt schon an hast, kannst du sie doch auch benutzen.“ „Ich will aber nicht“, wand sich Sascha und Micky entschied: „Solltest du aber“ „Und das willst du bestimmen?“, fragte Sascha betont höhnisch und Micky drohte: „Ich kann ja die Badezimmertür abschließen…“ „Das machst du nicht!“, behauptete Sascha, stand auf und versuchte, sämtliche Zweifel daran, dass der Kleine es vielleicht doch tun würde, zu überspielen. Micky erhob sich ebenfalls. „Willst du es drauf ankommen lassen?“

Einen Moment standen sich die beiden ungleichen Jungs abwartend gegenüber, dann gab sich Sascha unter Mickys bohrendem Blick geschlagen und setzte sich wieder. Micky grinste boshaft und schlug mit betont freundlichem Lächeln vor: „Du solltest deinen Tee austrinken, kalter Tee schmeckt nicht.“ Sascha verstand sich selbst nicht, aber er gehorchte. Er hatte keine Ahnung, wohin das führte, und wollte auch nicht darüber nachdenken, warum er sich von dem Bruder seines Kumpels so herumkommandieren ließ, warum er zuließ, dass der Kleine ihm so klar vorschrieb, was er zu tun hatte – und erst recht nicht, warum er in dem hintersten Winkel seines Unterbewusstseins Spaß an dem Spielchen hatte.

Als seine Tasse leer war, schenkte Micky nach und wiederholte nur: „Kalter Tee schmeckt nicht.“ Sascha schwieg, nahm aber einen weiteren Schluck und hatte das Gefühl, das Getränk würde ohne Umwege direkt in seiner ohnehin schon vollen Blase landen. Er gab sämtliche Versuche auf, noch zu verbergen, wie dringend er inzwischen musste, und bemühte sich nur noch, seine Windel nicht benutzen zu müssen. Dazu war die Scham einfach viel zu groß, auf keinen Fall wollte er Micky die Genugtuung geben, ihn dabei beobachten zu können. Valentin müsste jede Minute nach Hause kommen, wenn er es solange aushielt, wäre das schräge Szenario beendet, er könnte die Windel ausziehen und auf die Toilette gehen.

Micky machte keine Anstalten, irgendetwas zu sagen oder zu tun. Er saß einfach nur da, lehnte sich zurück, trank seinen Tee und beobachtete Sascha seelenruhig und aufmerksam zugleich. Sascha wurde immer unruhiger, es war nicht nur der Tee, sondern vor allem die Flasche Cola, die er bei Hendrik noch getrunken hatte, eigentlich hatte er schon bei seinem theatralischen Abgang ein bisschen gemusst, aber erst auf die Toilette gehen und dann das Haus verlassen, hätte jede noch so klägliche Wirkung zunichte gemacht. Also saß er weiter auf der Stuhlkante, wippte mit den Knien, überkreuzte die Beine und versuchte, an irgendwas anderes zu denken, sich abzulenken. Er ließ seinen Blick durch die modern eingerichtete Küche wandern, dann zurück zu Micky. Und was er dann feststellte, erfüllte ihn mit seltsamem Triumph. „Du musst auch aufs Klo“, bemerkte er, denn der Kleine saß inzwischen auch nicht mehr ganz so ruhig. Und tatsächlich gab er zähneknirschend zu: „Ein bisschen – aber nicht halb so dringend wie du!“

Damit hatte er leider Recht und alle Versuche, sich auf Mickys ebenfalls zunehmendes Hibbeln zu konzentrieren, konnten ihn nicht mehr davon ablenken, dass er es schlichtweg nicht mehr länger aushielt. Und so senkte er den Kopf, um zumindest das Gesicht des anderen nicht sehen zu müssen, auch wenn er ganz genau wusste, dass dieser ihn umso genauer beobachtete, starrte stattdessen auf die dunkle Holzplatte des Küchentisches und entspannte sich nur so minimal, dass sich sein Problem löste. Er spürte, wie seine Windel sich füllte, das Vlies die Flüssigkeit aufsaugte, zuerst angenehm warm wurde, dann dicker und schwerer nach unten hing. Im gleichen Maße breiteten sich in ihm Erleichterung, Scham und – so peinlich ihm das auch gerade war – Erregung aus. Erleichterung verstand sich von selbst, Scham angesichts der Tatsache, sich von einem zwei Jahre Jüngeren hatte dazu zwingen lassen, vor dessen Augen seine Windel zu benutzen, und Erregung, weil nun mal einen Fetisch hatte und die Windel in nassem Zustand ihm dies noch viel deutlicher machte als zuvor in trockenem. Zumindest redete er sich ein, dass der einzige Grund für seine Erregung die Windel als solche war, und nicht die Situation, die dazu geführt hatte, und schon gleich dreimal nicht der ihn frech angrinsende kleine Kerl. Es kostete ihn all seine Willenskraft, seine Hände um die Teetasse gekrallt zu lassen und er schaffte es auch nur, Micky aus den Augenwinkeln anzugucken.

Der grinste nun gar nicht mehr so böse und fragte: „Und, gut?“ Sascha nickte hastig, dann murmelte: „Was war das denn bloß?“ „Ich weiß nicht, was du meinst“, schmunzelte Micky betont unschuldig. „Ein bisschen Spiel mit dem Feuer schadet nicht…“

Bevor Sascha antworten konnte, ertönte nun das Geräusch, das er so lange herbeigesehnt hatte – der in der Haustür herumgedrehte Schlüssel. Einen Moment später stand Valentin in der Küche und sein Anblick zerstörte die seltsame und sehr zerbrechliche Stimmung augenblicklich. Er schaute etwas ratlos von seinem sichtlich verlegenen Kumpel zu seinem nun deutlich sichtbar auf der Eckbank herum hibbelnden Bruder und fragte: „Was ist denn hier los?“ Sascha war zu keiner Antwort fähig, aber Micky stand auf und antwortete gelassen: „Gar nichts, Sascha hat hier auf dich gewartet und wir haben uns ein bisschen unterhalten. Ich muss jetzt echt mal aufs Klo, dann gehe ich ich hoch. Ich wünsch euch noch nen schönen Abend.“

Im Hinausgehen sprach er zwar mit Valentin, schaute aber Sascha an und meinte mit einem nicht zu deutendem Lächeln: „Ich glaube, dein Kumpel braucht ’ne frische Windel.“

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