Unfall mit Folgen Teil 10: Offene Worte

Musik und fröhliches Mitsingen, beides zu laut um vom Rauschen der Dusche übertönt zu werden, weckten Daniel aus unruhigem Schlaf. Stöhnend zog er sich das Kissen über den Kopf und bezweifelte angesichts von so viel guter Laune und Energie mal wieder, dass er die DNA mit diesem sonderbaren Wesen teilte. Seine Schwester war schon immer ein Morgenmensch gewesen, mit ihm war vor neun Uhr an einem Samstagmorgen gar nichts anzufangen. Das wäre schon so gewesen, wenn ihm der gestrige Abend nicht so schwer im Magen gelegen hätte. Aber heute kam mit dem Aufwachen auch prompt die Erinnerung an den Streit mit Felix, an dessen trauriges Gesicht, die Aussage „Ich dachte, wir sind auch Freunde“. Sollte er sich bei ihm entschuldigen? Aber wofür? Er war nach wie vor der Meinung, im Recht zu sein. Okay, vielleicht hätte er seine Gedanken anders formulieren sollen, Felix weniger Vorwürfe machen. Aber grundsätzlich hatte er Recht, Felix‘ Verhalten Lasse gegenüber war nicht okay. Er seufzte erneut und stellte nach einem Blick auf sein Handy fest, dass er noch mindestens eine Stunde Zeit hatte, bis er aufstehen und sich für seine Verabredung mit Katharina fertig machen musste. Also konnte er auch noch eine Runde schlafen. Fest entschlossen drehte er sein Kissen mit der kühlen Seite nach oben und schloss die Augen. Nach einigen Minuten, in denen er sich von einer Seite auf die andere drehte und die Augen fest zusammenpresste, öffnete er sie wieder und stellte fest, was ihn nicht mehr einschlafen ließ. Er musste auf die Toilette. Auch das noch! Mona blockierte immer noch ihr gemeinsames Bad, das hieß, er müsste nach unten und die Toilette dort benutzen. Das würde er sicher nicht mit der Windel tun – Moment mal, ihm fiel jetzt erst auf, dass er eine der „richtigen“ Windeln zum Kleben trug, die müsste er sowieso ausziehen. Und warum hatte er keine Hose drüber an? Mit einem Anflug von Scham erinnerte er sich an seine Gedanken gestern Abend, an den Wunsch, sich durch die Windel getröstet zu fühlen. Aber nach einer Nacht, in der er so frustriert, verwirrt und auch traurig eingeschlafen war, war die Windel sowieso nass, also konnte er sie auch ein zweites Mal benutzen. Das hatte er tatsächlich schon häufiger gemacht, aus Bequemlichkeit und – wie er Felix und Lasse er erklärt – um dem Ganzen zumindest etwas Positives abgewinnen zu können.
Immer noch in einem Zustand zwischen Halbschlaf und wach drehte er sich auf den Rücken und hob den Po ein bisschen. Dabei musste er über die Ironie grinsen, dass er im Schlaf in vermutlich jeder erdenklichen Postion in die Windel machte, das absichtliche Benutzen aber gar nicht so einfach war. Unbewusst strich er mit den Fingern über die Folie der Windel um zu prüfen, wie nass sie schon war – und erstarrte. Trocken! Das konnte doch nicht sein! Nach einem solchen Abend, bei Ereignissen, die ihn belasteten, konnte er sich vollkommen sicher sein, dass er ins Bett bzw. in die Windel machte. Und gestern hatte er die sogar angezogen ohne vorher nochmal auf die Toilette zu gehen. Die Bettdecke war ein Stück aus dem Bezug herausgezogen, das Kopfkissen völlig zerwühlt, also offensichtlich hatte er so unruhig geschlafen wie sonst auch, wenn er Probleme mit ins Bett nahm, aber er war trotzdem trocken geblieben. Vielleicht war er nicht von der morgendlichen Gesangseinlage seiner Schwester aufgewacht, sondern davon, dass er auf Toilette musste? Dann sollte er sich freuen, wenn er sogar einen wirklich unschönen Streit und so traurig und nachdenklich einschlafen trocken überstanden hatte, würde es vielleicht doch besser werden, vielleicht sogar aufhören. Aber wie schon gestern konnte er sich nicht recht darüber freuen, stattdessen spukten die widersprüchlichsten Emotionen in ihm herum. Er versuchte, sie zu ignorieren, schob das alles darauf, dass er schlecht geschlafen hatte und noch müde war, und fand die richtige Position. Ohne weiter darüber nachzudenken benutze er seine bis eben noch trockene Windel, rollte sich mit einem seltsamen Gefühl des Genießens wieder in seine Decke ein und schlief tatsächlich wieder ein.

Er träumte eine Menge Unsinn und als er von seinem Handyalarm hochschreckte, konnte er nur den Kopf schütteln. Allmählich sammelte er sich, stellte den Ton ab, dann folgte der zweite morgendliche Routinegriff. Mit einer Hand tastete er die Außenseite der Windel ab und nahm das „nass“ erst mal weitgehend neutral hin, wollte es als „war ja klar“ abhaken. Dann hielt er inne. In den Untiefen seines Bewusstseins regte sich die Erinnerung – er war trocken aufgewacht und hatte die Windel absichtlich benutzt? Angesichts seiner wirren Träume, war er sich ganz sicher, ob das nicht auch nur ein Hirngespinst seines Kopfes war. Träume, in denen neben Felix‘ traurigem Gesicht auch das aufgetaucht war, als er sich vor ihm stehend bemüht hatte, absichtlich in die Windel zu pullern, als es im Krankenhaus unabsichtlich passiert war, und auch als er ihn gewickelt hatte. Wie immer spürte er, wie er bei diesen Erinnerungen rot wurde, doch diesmal kam noch dazu, dass es ihm Leid tat und er sich schämte, weil er Felix so traurig gemacht hatte. Er war sich nun wirklich nicht mehr sicher, ob er die Windel tatsächlich bewusst nass gemacht oder das auch nur geträumt hatte, wurde aber so oder so von einem Anfall Wut und Scham gepackt. Während er sich einredete, ganz sicher nur geträumt zu haben, sprang er aus dem Bett, riss die Windel mit soviel Kraft ab, dass ein Stück der Folie aufriss, und stopfte sie in einen der schwarzen Müllbeutel. Den verknotete er gründlich und stopfte ihn ganz nach unten in seinen Rucksack, um ihn später wegzuwerfen. Dann wickelte er sich ein Handtuch um die Hüften, duschte länger als sonst und wusch besonders den Teil, der bis vor kurzem noch von der Windel bedeckt gewesen war, sehr gründlich. Mit rot geschrubbter, schmerzenden Haut, aber zumindest ein bisschen klarer im Kopf schlüpfte er in frische Klamotten und schlurfte in die Küche, wo Mona mit einem dicken Buch in der einen und einer Kaffeetasse in der anderen Hand auf der Eckbank saß. „Guten Morgen“, begrüßte sie ihn, er murmelte eine Antwort und sie schob ihm grinsend die Kaffeekanne hin. „Danke“ Er goss sich ein, kippte Milch darüber und schaute auf das Buch. „Was liest du da?“ Sie hielt ihm den Titel hin und erzählte: „Das hat Jonas mit ausgeliehen, er hat mir schon soviel davon erzählt.“
„Dein Motorrad fahrender Gruftie liest Nietzsche?!“
„Er ist kein Gruftie! Und hast du mir nicht immer Vorträge über Klischees und Vorurteile gehalten?“
„Wo du Recht hast… Jedenfalls schwere Kost am Samstagmorgen“
„Ich bin auch schon eine Weile wach“ Dem hatte er nichts entgegenzusetzen, also trank er schweigend seinen Kaffee. „Wie war eigentlich der Film?“, erkundigte sich Mona. Tatsächlich teilte er die Vorliebe für Gruselfilme und Bücher mit seiner Schwester, er erinnerte sich, dass sie mehr als einmal früher nachts im Fernsehen heimlich einen solchen angeschaut und danach freiwillig im gleichen Zimmer geschlafen hatten. „Jonas und ich wollten ihn uns vielleicht auch anschauen, aber ich hab bisher nicht viel Gutes darüber gehört“, erklärte Mona und er seufzte. Zack, da war sie wieder, die Erinnerung an das unschöne Ende des Abends. „Wir haben ihn nicht geschaut“, antwortete er nur und Mona blickte erstaunt von ihrem Kaffee auf. „Warum nicht? Du bist doch kurz vor mir los um ins Kino zu gehen.“
„Im Kino war ich auch.“

„Aber? Also warum warst du im Kino, hast aber den Film nicht gesehen? So toll ist das Popcorn auch wieder nicht, dass man nur deshalb dahin geht.“
„Ich hab mich vor dem Film mit Felix gestritten. Dann hatte keiner mehr Lust und ich bin nach Hause.“
„Oh“, kommentierte Mona. „Worüber habt ihr gestritten?“
Daniel überlegte einen Moment, einerseits wollte er nicht darüber reden, andererseits grübelte er ohnehin ständig darüber nach und vielleicht war die Meinung einer außenstehenden Person gar nicht schlecht. Mona und er verstanden sich gut, auch wenn die symbiotische Zwillingsbeziehung sich mit der Pubertät und seinem Wechsel an eine andere Schule gelockert hatte. Also erzählte er, angefangen von dem Gespräch mit Lasse, der so unter Felix‘ rätselhaftem Verhalten litt, über den Streit mit Felix genau darüber, bis zu seinem schlechten Gewissen. Mona hörte zu ohne ihn zu unterbrechen und als sie fragend anschaute, vermutete sie: „Er hat Angst.“
Daniel hob den Kopf, er konnte ihren Gedanken nicht folgen. „Wer hat Angst wovor?“
„Felix hat wahrscheinlich Angst“, erklärte sie. „Entweder er hat sich wirklich in Lasse verguckt und kommt damit grade selbst nicht klar, ist verunsichert. Oder er befürchtet, andere könnten das denken, Lasse sich vielleicht Hoffnungen machen, und hat Angst vor Gerüchten und dummen Sprüchen.“
„Das klingt beides irgendwie logisch“, musste Daniel zugeben. „Und was mach ich jetzt?“

„Lass ihm Zeit“, riet Mona. „Er muss erst mal mit sich selbst klarkommen und da kann er einen Freund wahrscheinlich gut gebrauchen.“ Etwas beschämt nickte Daniel, dann warf Mona einen Blick auf ihr Handy. „Ich muss los! Bist du so lieb und räumst meine Tasse mit ab?“ Daniel stellte beide Tasse in die Spülmaschine, da fiel sein Blick auf den weißen Briefumschlag auf der Arbeitsfläche der Küche. „Daniel“ stand in der geschwungenen Handschrift seiner Mutter darauf und als er hineinschaute, entdeckte er einen 20€-Schein. Einen Moment war er vollkommen verwirrt, dann begriff er. Ende des Monats bekam er von seinen Eltern das Geld für seine Bettnässerunterwäsche. In einem sehr peinlichen Gespräch hatten sie sich auf diese diskrete Lösung geeinigt, Daniel hatte ihnen erklärt, er würden diesen unangenehmen Einkauf von nun an selbst erledigen und wolle einfach nicht mehr mit ihnen darüber reden. Seine Eltern hatten das selbstverständlich akzeptiert und seitdem fuhr Daniel ein- bis zweimal im Monat mit der Straßenbahn ans andere Ende der Stadt, schlich sich dort in einen abgelegenen Drogeriemarkt und kaufte sich zwei Packungen der Hochziehwindeln. Richtige hatte er schon lange keine mehr kaufen müssen. Aber seit dem letzten Einkauf hatte er ungewöhnlich viele trockene Nächte gehabt, wenn er jetzt so darüber nachdachte, waren es auch schon vor der rekordverdächtigen Woche am Stück immer wieder mal eine oder zwei gewesen. Entsprechend gut gefüllt war sein Vorrat noch und so überlegte er, was er mit der unverhofften Finanzspritze anfangen könnte. Oder sollte er doch nochmal welche kaufen? Ein bisschen Vorrat haben konnte ja nicht schaden, er wollte nicht zu früh optimistisch werden, nicht zu früh hoffen, dass es so trocken weitergehen würde. Oder aber… Nach wie vor mit dem Gefühl von Reue, aber auch einem gewissen Kribbeln im Bauch erinnerte er sich an heute morgen, als er zum ersten Mal aufgewacht war und einfach nicht aufgestanden und auf Toilette gegangen war; erinnerte sich daran, wie es sich angefühlt hatte, gestern Nacht eine richtige Windel anzuziehen… Er vergewisserte sich, dass Monas Jacke nicht mehr am Haken hing, lauschte auf die klassische Musik aus dem Atelier – solange die lief, war seine Mutter in ihre Arbeit vertieft und würde von nichts und niemandem Notiz nehmen. Dann griff er sich sein Handy, tippte die unter „Zahnarzt“ gespeicherte Nummer an und lauschte mit klopfendem Herzen. „Sanitätshaus am Hauptmarkt, Sie sprechen mit Sabine Frisch, was kann ich für Sie tun?“ Einen Moment konnte er nicht antworten, sein Mund fühlte sich an als würde er versuchen, eine Ladung Sand zu schlucken. „Hallo?“ hörte er die freundliche Stimme. „Sind Sie noch dran?“ „Äh ja“, stotterte er und riss sich zusammen. „Mein Name ist Daniel Wegner, Sie müssten mich noch in Ihrer Kartei haben, ich habe zuletzt, glaube ich, im Juli oder August bei Ihnen bestellt. Ich möchte wieder das gleiche bestellen.“ Falls die anonyme Frau Frisch ihm seine Nervosität anhörte, behielt sich das für sich. Ihre Stimme klang weiterhin freundlich und professionell. „Einen Augenblick, ich sehe nach. Bleiben Sie bitte kurz dran.“ Der Augenblick erschien ihm wie eine Ewigkeit, dann zuckte er bei der Stimme zusammen. „Ja, ich habe Ihre Bestellübersicht hier, Sie hatten zuletzt immer das gleiche Produkt. Eine Packung, sagten Sie?“
„Ja“, krächzte Daniel und die Fachverkäuferin versicherte: „Das ist kein Problem, Sie können Ihre Bestellung am Montag ab 10:00 abholen.“
„Vielen Dank“ Als er längst aufgelegt hatte, starrte er noch lange auf das Handy in seiner Hand, überlegte kurz, nochmal anzurufen und alles rückgängig zu machen. Würde er am Montag wirklich hinfahren und Windeln kaufen? Obwohl er noch eine halb volle Packung im Schrank hatte und obwohl es gerade danach aussah, als würde sein Problem endlich besser werden. Was stimmte mit ihm denn nicht? Er stöhnte, vergrub den Kopf in den Händen und rief dann jemanden an, der erstens eine Entschuldigung verdiente und zweitens die einzige Person war, mit der er über das reden konnte, was mit ihm nicht stimmte.

Felix‘ POV
Felix hatte ähnlich schlecht geschlafen. Auch wenn er sich über Lasses Nachricht gefreut hatte und sie sich für Sonntag verabredet hatten, machte ihm der Streit mit Daniel zu schaffen. Er wusste gar nicht genau, was ihn trauriger machte: Dass Daniel, der ihm wirklich wichtig war, sauer auf ihn war, oder dass er vielleicht Recht hatte und er sich Lasse gegenüber wirklich scheiße benahm. Der Anruf eines Mitschülers, dass ihnen dringend noch jemand zum Fußballspielen fehlte, war ihm ganz recht gekommen. Besser als den ganzen Samstag allein zu Hause zu sitzen und zu grübeln. Er hatte definitiv schon besser gespielt, spürte aber, dass Bewegung und mit anderen Leuten unterwegs zu sein, ablenkte. Das Vibrieren seines Handys in der Hosentasche ließ ihn aufschrecken, er wollte den Anruf erst ignorieren, sollte derjenige doch später nochmal anrufen. Aber vielleicht war es Lasse? Er beförderte den Ball ins Aus, zog das Handy heraus und zuckte zusammen, als er Daniels Namen las. „Sorry, das ist wichtig, bin gleich zurück“, entschuldigte er sich bei seinen Kumpels und ging ein Stück zur Seite. „Hey“ Er bemühte sich, seine Stimme neutral klingen zu lassen, sich seine Gefühle nicht anhören zu lassen.
„Hi“ Wenn ihn nicht alles täuschte, klang Daniel lange nicht so selbstsicher wie sonst. „Hast du einen Moment Zeit?“
„Ja“ Felix nickte und ignorierte die ungeduldigen Gesten seiner Mitschüler. Er hörte Daniel tief Luft holen, dann erklärte er: „Es tut mir Leid und du hast Recht.“
„Was?“ Felix war nun doch verwirrt, damit hatte er wirklich nicht gerechnet. Daniel wiederholte: „Es tut mir Leid.“
„Was tut dir Leid?“
„Was ich dir an den Kopf geworfen hab. Ja, ich mache mir Gedanken wegen Lasse, aber das ist eine Sache zwischen euch beiden, die mich nichts angeht. Ich hätte mich raushalten und dir nicht so fiese Dinge vorwerfen sollen.“
„Schon gut“, versicherte Felix, immer noch überrumpelt, aber vor allem erleichtert.
„Du bist nicht sauer?“, hakte Daniel nach und Felix bestätigte: „Nein, ich bin froh, dass du scheinbar nicht mehr sauer bist. Und was meintest du, dass ich Recht habe? Womit?“
„Dass ich keine Ahnung habe“
Felix wollte schon nachfragen, da erklärte Daniel von sich aus: „Ich hatte keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn das, was man will, sich gleichzeitig so falsch anfühlt. Aber jetzt weiß ich, was du gemeint hast.“
„Felix verdammt, sag deiner Freundin, sie soll später nochmal anrufen!“, schrie einer der Jungs zu ihm herüber. „Hier rumstehen ist langweilig und es wird arschkalt.“
„Ja gleich“, rief er und wieder an Daniel: „Du, es ist grade schlecht. Wollen wir persönlich reden?“
„Ja, gern“ Diesmal täuschte er sich nicht, Daniel klang erleichtert. „Ich bin später mit Katharina verabredet, aber sie geht um neun zu einem Mädelsabend. Wenn dir das nicht zu spät ist, kannst du gerne noch vorbeikommen.“
„Ja, also nein, das ist nicht zu spät, das passt gut“
„Super, dann bis heute Abend.“
Er steckte sein Handy weg und ging zu den Jungs zurück, die ihm entgegen grinsten. „Na, hast du deine Freundin auf später vertröstet?“, feixte einer und Felix verdrehte die Augen. „Ich hab keine Freundin“
„Wer soll dir das denn glauben?“, spottete Marek, den er wohl am ehesten als seinen besten Freund bezeichnet hätte, auch wenn er längst nicht alles mit ihm besprach. „Seit ein paar Wochen bist du am Wochenende ständig anderweitig verabredet, hängst dauernd am Handy und grinst vor dich hin. Wenn da keine Freundin dahintersteckt, weiß ich auch nicht.“
„Wollen wir nicht weiterspielen?“, bettelte Felix. „Ich dachte, euch ist kalt?“
„Ne, wir wollen, dass du endlich zugibst, dass du verknallt bist“, grinste Marek und Felix widersprach: „Ich bin nicht verknallt! Ich hab euch doch schon erzählt, dass ich mit dem Jungen aus dem Krankenhaus angefreundet hab und am Wochenende manchmal mit ihm verabredet bin.“
„Mit dem Jungen aus dem Krankenhaus?“ Paul, ein weiterer Mitschüler schaute ihn fragend an. „Und mit dem bist du auch dauernd am chatten und grinst so dämlich? Bist du schwul oder was?“ Felix schluckte, aufgrund seiner zurückhaltenden Art und seiner bisher nicht vorhandenen Erfahrung mit Mädchen bekam er diesen ach so lustigen Scherz nicht zum ersten Mal zu hören. Und nein, verdammt, er war nicht schwul, aber er wollte es auch nicht dauernd als spaßhafte Beleidigung hören, hatte er doch dabei immer Lasses Gesicht vor Augen, wenn der von gemeinen Kommentaren erzählte. Für eine echte Diskussion war er aber schlichtweg zu feige. Stattdessen fragte er nur: „Wollt ihr jetzt weiterspielen? Sonst geh ich nämlich nach Hause, mir ist es zu kalt zum rumstehen.“
„Sagt er, nachdem er uns gefühlt stundenlang hat warten lassen und mit seiner Flamme oder seinem Lover telefoniert hat“, grinste Marek, kickte den Ball aber zurück aufs Feld. „Na kommt schon“

Am Abend saß er neben Daniel auf dessen Couch und beim Blick in Daniels offenes Lächeln überfiel ihn schier grenzenlose Erleichterung. Er hatte unter der Funkstille gelitten, aber erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr er den anderen als Freund vermisst hatte. „Willst du was trinken?“, fragte Daniel und er nickte. „Gern“
„Radler?“ Als Felix nickte, fügte er frech grinsend hinzu: „Keine Sorge, ich zieh dir auch ‘ne Windel an bevor du auf meiner Couch einpennst.“ Felix starrte ihn so verdutzt an, dass Daniel in Gelächter ausbrach. Aber bei aller Verblüffung spürte er auch dieses merkwürdige Ziehen im Bauch, das ihm bei dem Thema immer überfiel. Daniel beteuerte: „Das war ein Scherz, guck nicht so verstört. Ich würde das nie einfach machen, auch wenn ich beim letzten Mal nicht das Gefühl hatte, dass du was dagegen hast.“ „Da war ich betrunken“, versuchte Felix sich raus zu reden und Daniel zuckte bedauernd mit den Schultern. „Das ist aber schade“, kicherte er. Gegen seinen Willen musste auch Felix lachen, nahm einen Schluck Radler und fragte dann: „Worüber wolltest du denn reden?“
„Eigentlich darüber“ Daniel war wieder ernst geworden, nahm ebenfalls einen Schluck und erzählte dann.

Daniels POV
Quasi ohne dazwischen Luft zu holen erzählte Daniel. Erzählte von der ersten Nacht, die er in Windel neben Katharina geschlafen hatte, und wie entspannt es gewesen war, wie locker sie damit umgegangen war. Erzählte, dass er zu seinem grenzenlosen Erstaunen trocken aufgewacht war und das seitdem geblieben war. Erzählte, dass er seine trockene Windel gestern morgen mit voller Absicht benutzt hatte, und sich am Abend eine richtige, eine dicke Windel mit Klebestreifen angezogen hatte – und auch diese bewusst nass gemacht hatte. Und er erzählte, dass er heute morgen im Sanitätshaus angerufen und sich wieder genau solche Windeln bestellt hatte, obwohl es dafür keinen Grund gab. Er erzählte von Scham und Reue, von Wut auf sich selbst und davon, dass er sich nicht freuen konnte, nicht hoffen konnte, dass das Bettnässen vielleicht endlich besser werden würde. Und wie damals im Krankenhaus, als er mit Felix zum ersten Mal jemandem von seinem Problem und allen bisherigen Erlebnissen damit erzählt hatte, durchströmte ihn Erleichterung, wurden die Emotionen mit dem Aussprechen ein bisschen leichter zu ertragen. „Das fühlt sich so schizophren an“, murmelte er. „Seit ich denke kann, wünsche ich mir so sehr, dass es endlich aufhört. Und jetzt sieht es zum ersten Mal danach aus und ich will es plötzlich irgendwie nicht mehr.“
Felix hatte ruhig zugehört und fragte jetzt: „Warum willst du nicht?“
„Ich weiß es nicht!“
Felix schwieg und Daniel wand sich unter seinem Blick. „Schau mich nicht so an!“
„Ich glaube, du weißt es doch“, unterstellte Felix ihm und er konnte nicht anders, er musste nicken. Aber statt einer echten Antwort wollte er wissen: „Was denkst du denn, warum?“ Felix schaute ihn weiterhin mit diesem durchdringenden Blick an, schien zu überlegen. Dann antwortete er ganz ruhig, fast als würde er über das Wetter reden. „Weil du neben all den negativen Gefühlen, die damit verbunden sind, auch Spaß daran gefunden hast. Und wenn dein nächtliches Problem weg wäre, müsstest du das zugeben. Dann könntest du es nicht mehr damit erklären, dass du sie ja schließlich brauchst. Die Rechtfertigung wäre weg.“ Daniel spürte einen Kloß im Hals, er hätte es nicht treffender formulieren können. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – fühlte es sich an als hätte Felix ihn mit den Worten unter eine eiskalte Dusche geschubst. Er nickte nur ganz langsam und fragte dann: „Bin ich gestört?“ „Nicht gestörter als ich“, schmunzelte Felix. „Ich hatte nie einen Grund und finde es trotzdem spannend. Also ja, ich kann verstehen, dass du durcheinander bist und dir das verrückt vorkommt, aber von außen betrachtet ist es gar nicht so verrückt. Du hattest bisher nicht wirklich eine Wahl, was das Thema angeht und jetzt hast du die plötzlich. Und das heißt, dass du dich damit auseinandersetzen musst, wie du es findest; unabhängig vom brauchen. Aber auch wenn du Spaß dran hast, dann ist das eben so. Es gibt wirklich Schlimmeres.“ Felix sagte das so locker, so ruhig, dass Daniel nicht anders konnte, als ihm zu glauben. Und so blieb ihm nichts anderes übrig als „Danke“
Nach langem, aber nicht unangenehmem Schweigen fragte Daniel: „Willst du auch reden?“

Felix‘ POV
Felix musste nicht fragen, worüber. Ihnen war beiden klar, worauf sich das Angebot bezog. „Du hast auch Recht“, gab Felix also zu und Daniel fragte: „Womit genau?“
„Mit Lasse. Ich mache ihn unglücklich und ich will das nicht, es fühlt sich schrecklich an. Aber ich hab Angst.“
„Angst?“, wiederholte Daniel. „Wovor?“
„Vor meinen eigenen Gefühlen, vor dem was ich vielleicht wirklich will. Es ist so wie du es vorhin beschrieben hast, einerseits was wollen und es schön finden, aber es dann vom Verstand her doch nicht wollen. Ich hab Angst, wo das hinführt. Was ist, wenn ich ihn doch mag? Wenn ich wirklich schwul bin?“
„Soll ich wiederholen, was du mir grade gesagt hast?“ Daniel lächelte. „Und wenn du schwul bist, dann ist das eben so. Es gibt Schlimmeres.“
Felix dachte lange über diese Worte nach, gleichzeitig hallten ihm die Scherze seiner Mitschüler von heute Mittag wieder im Kopf nach. Er konnte schließlich nichts anderes erwidern als das Danke zurückgeben.

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und Felix konnte es nur vermuten, hatte aber den Eindruck, dass Daniel von der gleichen Erleichterung erfüllt war. Schließlich brach Felix das Schweigen mit einem verlegenen „Duuuuu?“
„Jaaaaaa?“
„Also du hast erzählt, dass du dir Windeln bestellt hast, also die richtigen, die zum zukleben?“
„Ja, die größeren, die dir auch passen“
„Das … das … also das“, stotterte Felix und spürte, wie seine Wangen heiß wurden, er vermutlich feuermelderrot anlief und seine Hände zitterten. „Das hab ich nicht gemeint.“
„So so“ Daniel grinste wieder dieses unverschämte Grinsen, bei dem Felix nie wusste, ob er ihn schütteln oder einfach mitlachen sollte. „Ja“, behauptete er also nur. „Lass uns das Thema wechseln“
„Okay“ Achselzuckend wand Daniel sich ab, sprach scheinbar mit dem Couchtisch. „In Anbetracht der Tatsache, dass ich welche nachbestellt habe, obwohl mein Verbrauch scheinbar geringer wird, hätte ich dir eine abgegeben. Aber wenn du nicht willst… Ich will dich nicht überreden…“
„Vielleicht will ich ja doch“, gab Felix zähneknirschend zu, bevor er recht begriff, was er da eigentlich sagte. Das Kribbeln in seinem Bauch war stärker geworden, breitete sich in seinem ganzen Körper aus. Daniel grinste: „Was hast du gesagt? Ich hab dich nicht richtig verstanden.“
„Hast du wohl, du Mistkerl“
„Kann nicht sein, ich muss mich verhört haben. Ich habe gehört, dass du gerne eine Windel anziehen würdest, aber das hast du doch bestimmt nicht gesagt.“ Statt einer verbalen Antwort streckte Felix ihm die Zunge raus, auch Daniel sagte erst nichts mehr, sondern stand auf und kramte in seinem Schrank herum. Nun war die Verlegenheit und das halblaute Gestotter auf seiner Seite. „Ich dachte vielleicht … na ja … dass … ob wir …“
„Ja?“, kicherte Felix. „Was dachtest du?“
„Dass, also ob wir das vielleicht mal umgekehrt machen könnten, also andersrum als nach der Halloweenparty. Oder gegenseitig…“
Jetzt wurde Felix endgültig schwindelig, für einen Moment hatte er Angst, von der Couch zu rutschten. Aber er fing sich wieder und beschloss, für einen Moment einfach mal nicht nachzudenken, und nickte. „Könnten wir, ja…“

Am nächsten Tag saß er zum ersten Mal neben Lasse in dessen Zimmer. Nach drei Runden Memory, in denen der Kleine sie ganz alt hatte aussehen lassen, hatten sie Leif ein geeignetes Spiel auf der Playstation angemacht und so ein bisschen Ruhe. Das Zimmer war nicht viel größer als das von Felix und der bewunderte Lasse dafür, es sich mit seinem Bruder zu teilen. Als hätte Lasse seine Gedanken gelesen, erklärte er: „Es bleibt uns ja nichts anderes übrig. Aber es ist schon okay.“ In Lasses Hälfte stand ein sehr schöner, alt wirkender Schreibtisch, an der Wand hing ein Poster eines dänischen Fußballvereins und an einer kleinen Pinnwand einige Fotos. Lasse war Felix‘ Blick gefolgt und erzählte: „Meine ehemalige Schulklasse, mein ehemaliger Handballverein und das andere ist jeweils von Freunden.“ „Auch der, in den du als erstes verliebt warst?“, fragte Felix neugierig und Lasse grinste etwas verlegen, dann nickte er und nahm eins der Fotos ab. Darauf grinsten Lasse, ein blondes und ein dunkelhaariges Mädchen und zwei weitere Jungen in die Kamera, alle mit geröteten Wangen und leicht verrutschten Mützen. „Beim Ski laufen“, erzählte Lasse und zeigte auf den blonden Jungen mit den großen blauen Augen in der Mitte. „Er wollte mich vielleicht in den Weihnachtsferien besuchen kommen, soll ich ihn dir dann vorstellen?“
„Was?“, stammelte Felix überrumpelt. „Tut mir Leid, so war das nicht gemeint. Ich sollte nicht so neugierig sein, entschuldige.“
„Schon gut“, lachte Lasse. „Ich wäre umgekehrt auch neugierig.“
„Umgekehrt?“
„Ja, wenn du schon mal verliebt gewesen wärst. Und bevor du fragst, nein, von Jári hab ich kein Foto. Das Thema ist abgehakt. Aber in Jasper war ich zwar mal rettungslos verliebt und das war entsprechend kompliziert, aber wir sind Freunde geblieben.“ Felix nickte, dann wand sich Lasse den praktischen Dingen zu und zeigte auf das mit einer roten Tagesdecke abgedeckte Bett. „Na ja, bei dir saßen wir ja auch auf dem Bett…“ „..weil ich keinen Platz für eine Couch habe“, ergänzte Felix. „Also kein Problem“

Zu Felix‘ großer Erleichterung war Lasse nicht anzumerken, was er Daniel gegenüber erzählt hatte. Sie reden über dies und das, kicherten miteinander und anfangs bemühte Felix sich, körperlichen Abstand zu halten, hatte sich ja vorgenommen, Lasse keine unnötige Hoffnung zu machen. Aber als der sich vorbeugte um sein Glas auf den Tisch zurückzustellen, streifte seine Hand die von Felix, blieb nach dessen Meinung einen Moment länger als nötig dort liegen und als er sie zurückzog, blieb das Gefühl eines Verlustes und gleichzeitig spürte Felix das inzwischen schon fast vertraute Kribbeln im Körper. Er musste mit ihm reden, wem wollte er denn noch weiter vormachen, dass da absolut nichts außer Freundschaft war? Lasse schaute ihn an, er konnte den Blick nicht von den dunklen Augen abwenden, räusperte sich und fand, dass sich seine eigene Stimme fremd anhörte, zittrig und krächzend. „Kann ich mit dir reden?“
Lasse zog die Augenbrauen hoch. „Wir reden doch schon die ganze Zeit?“
„Ja, aber über was anderes als Fußball und Weihnachtsrituale in unseren Familien. Was Ernsteres“
Wie auch bei Daniel blieb Lasse ruhig, fragte nicht nach, sondern wartete ab, bis Felix von selbst weitersprach. Herrje, warum konnte Lasse auch nicht aufhören, ihn so anzuschauen? Da es sich anfühlte, als würde er jeden Moment an den nicht gesagten Worten ersticken, sagte er schließlich leise: „Es tut mir Leid.“
„Was tut dir Leid?“
„Dass ich dich unglücklich mache damit, dass ich mich so unberechenbar verhalte und du nicht weißt, woran du bist“
„Daniel hat mit dir geredet?“ Mehr Feststellung als Frage, ohne hörbare Verärgerung.
„Ja“, musste Felix zugeben. „Aber bitte sei nicht sauer auf ihn! Es war meine Schuld, ich hab ihm erzählt, dass ich mir Sorgen mache, weil du so einsilbig warst am Freitag. Und er hat ja Recht, ich mache dich traurig.“
„Machst du nicht“ Der Blick aus Lasses Augen strafte ihn Lügen, denn obwohl er lächelte, wirkten die traurig. Felix schluckte, musste den Kopf abwenden, die Bewegung fühlte sich an, als würde sein Kopf eine Tonne wiegen. Er fühlte sich gezwungen, Lasse zu erklären, was los war, so schwer es ihm auch fiel.
„Es tut mir Leid“, wiederholte er. „Aber ich hab Angst und ich bin ein solcher Feigling.“ Wie Nadelstiche pikten ihn die Kommentare seiner Freunde, das spöttische „Bist du schwul oder was?“ – und seine Beteuerung, er sein nicht schwul. Er versuchte es erneut: „Ich mag dich und zwar anders als ich Daniel oder jemanden bisher mochte. Ich bin gern in deiner Nähe und ich würde nichts lieber, als noch viel mehr mit dir kuscheln. Dass ich mich dann manchmal so bescheuert benehme, das ist, weil ich Angst hab oder dann Angst kriege.“
„Angst wovor?“, hakte Lasse nun doch nach und Felix gestand: „Genau davor. Dass da mehr ist und dass ich vielleicht doch schwul sein könnte. Und was das heißt. Mein Umfeld ist nicht so tolerant wie deines, an meiner Schule sind die nicht so locker wie bei euch. Letztes Jahr hat sich ein Junge eine Stufe über uns geoutet, ich glaube, er wollte es nicht an die große Glocke hängen, aber irgendwie war es dann schnell an der ganzen Schule rum. Und die Reaktionen auch in meiner Clique waren durchwachsen, also jetzt nicht komplett ablehnend, aber es gab schon viele dumme Kommentare, Witze,.. Und auch mich ziehen meine Freunde manchmal damit auf, dass ich noch nie was mit einem Mädchen hatte, „Spätzünder“ ist genauso dabei wie die Frage, ob ich schwul bin. Sie meinen das nicht böse, aber trotzdem ist es nicht richtig. Und ich bin schon zu feige, ihnen zu sagen, dass das nicht witzig ist. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie es wäre wenn – na ja, wenn das kein Scherz mehr wäre. Und außerdem weiß ich doch, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruht, das hast du schließlich klargestellt und…“
„Halt was?“, unterbrach Lasse ihn. „Ich hab klargestellt, dass es nicht auf Gegenseitigkeit beruht? Da war ich aber nicht anwesend bei dem Gespräch, ich weiß nicht, was du da gehört hast.“
„Als Leif gefragt hat, ob ich dein Freund bist, da hast du ihm doch erklärt, dass du nicht in mich verliebt bist.“
„Herrje, du hast das die ganze Zeit für die Wahrheit gehalten? Was ich meinem neugierigen kleinen Bruder erzählt hab, als du daneben gesessen bist? Du bist nie auf die Idee gekommen, dass ich in dem Moment vielleicht nicht unbedingt sagen wollte, wie es wirklich ist?“ Felix war bis zu diesem Moment tatsächlich nicht auf die Idee gekommen, musste sich jetzt aber eingestehen, dass das nicht besonders klug gewesen war. Er holte zweimal tief Luft und stellte dann die alles entscheidende Frage: „Wie ist es denn wirklich?“ Lasse knabberte an seinem Daumennagel herum und als er schließlich antwortete, war seine Stimme so leise, dass Felix Mühe hatte, ihn zu verstehen. „Ich mag dich. Ich bin nicht ganz sicher, was es genau ist, aber ich verbringe nicht nur gern Zeit mit dir. Ich denke ziemlich viel an dich und als wir gekuschelt haben, na ja, das hat sich schön angefühlt und genau deswegen war ich auch traurig und verunsichert, als du immer wieder weggelaufen bist.“
„Das tut mir so Leid“ Felix hörte selbst, wie sehr seine Stimme zitterte, zu seinem Schrecken spürte er, dass er den Tränen nahe war. Verdammt, er wollte und konnte doch nicht schon wieder heulen, erst recht nicht vor Lasse! Er zwang sich, weiter zu sprechen. „Ich will dich nicht traurig machen und ich will in deiner Nähe sein. Ich hasse es, dass ich solche Angst habe “
„Hey“ Lasses Stimme klang sanft und beruhigend. „Du musst keine Angst haben. Und jetzt, wo ich weiß, warum du dich so benimmst, machst du mich auch nicht traurig. Ich verstehe das.“
„Wirklich?“
„Wirklich! Ich kenne diese Unsicherheit, diese Angst doch selbst. Wir können auch ganz langsam raus finden, was es eigentlich ist oder wird. Ich dränge dich zu nichts und wenn du nicht willst, erzähle ich auch niemandem davon.“
„Daniel weiß es doch sowieso“, murmelte Felix und Lasse schmunzelte. „Der wusste es wahrscheinlich schon vor uns beiden.“ Felix nickte, er war so erleichtert angesichts von Lasses Verständnis, aber gleichzeitig quälten ihn genau deshalb seine Schuldgefühle noch mehr. Alles Schlucken half nicht mehr richtig gegen die aufsteigenden Tränen, er schniefte und plötzlich spürte er Lasses Arm um seine Schultern. Der Junge zog ihn sanft an sich und flüsterte: „Schhhhh, nicht weinen. Du musst keine Angst haben.“
„Hab ich aber“, schniefte Felix. „Es fühlt sich schön an, aber gleichzeitig so falsch.“ Statt einer Antwort drückte Lasse ihn noch fester an sich und Felix ließ es schließlich zu, ließ sich von ihm in den Arm nehmen und festhalten. „Guck mich an“, bat Lasse und als Felix zögernd den Kopf hob, tippte Lasse mit dem Zeigefinger die Tränenspur an, ließ seine Hand dann über Felix‘ Wange in seinen Nacken wandern, kraulte ihn dort ganz sanft. Felix spürte, wie er sich entspannte, die Berührung genießen konnte und es auch schaffte, Lasse in die Augen zu schauen. Der machte weiter, zog ihn dabei noch enger an sich und fragte ganz leise: „Kann das wirklich falsch sein?“ Nein, konnte es nicht! Felix schüttelte den Kopf und wollte nichts mehr, als dass Lasse ihn niemals wieder loslassen würde. Als Lasses Kopf sich näherte, drehte er seinen und ließ es zu, dass Lasse ihn küsste, hörte auf, über richtig und falsch nachzudenken und erwiderte den Kuss.

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